Montag, 17. Dezember 2007

Miss Ecuador (New York)

Der Tag begann damit, dass ich über eine Dame fiel, und endete im Bett eines Models. Dazwischen liegen 14 Stunden New York, eine Räuberhöhle auf der Wall Street, zwei Weihnachtsparties - und ein Kapitel aus dem Buch "Mein surrealer dritter Advent".

Doch zunächst zurück zu der Dame, die ein Opfer der Tatsache wurde, dass alle paar Wochen Land-Eier wie ich in die Großstadt kullern und immer noch nicht gelernt haben, gescheit U-Bahn zu fahren. Genauer gesagt waren mein Freund Michael und ich für ein Wochenende nach Manhattan aufgebrochen, um dem Princetonischen Muff zu entkommen, unsere urbanen Batterien aufzuladen und (zu Michaels berechtigtem Entsetzen) Weihnachtseinkäufe zu machen. Als die U-Bahn an der 34. Straße anruckte, segelte ich auf das - dankenswerterweise humorvolle - Geschöpf neben mir, das milde den Kopf schüttelte über so viel Tapsigkeit. Weniger freundliche New Yorker haben für Fälle wie mich üble Bezeichnungen in Umlauf gebracht, zum Beispiel "she's so bridge-and-tunnel". Darunter fasst man alles zusammen, was von New Jersey oder anderswo über Brücken und durch Tunnel in die Stadt tapert und sich entsprechend benimmt. Also ehrlich, manchmal bin ich ja so was von Brücke-und-Tunnel!

Zum Glück spie uns die U-Bahn ansonsten wohlbehalten an unserem Zielpunkt aus, der Wall Street. Dort wollten wir uns mit Michaels altem Schulfreund M. treffen, der nach dem College im Finanzgeschäft angefangen hat, jetzt bei einer weltbekannten Investmentbank schuftet und zirka einen halben Kilometer Luftlinie von seinem Arbeitsplatz entfernt direkt auf der Wall Street lebt. M. sollte uns nicht nur übers Wochenende beherbergen, sondern hatte für den Abend auch eine "Holiday-Party" bei einigen seiner Freunde in Aussicht gestellt, was während der Fahrt zwei Fragen in meinem Kopf rotieren ließ: a) Worüber unterhält man sich als angebrütete Germanistin mit lauter Brokern? b) Was ziehe ich an??

Müßig zu sagen, dass ich mir auf der Fahrt zudem ein "typisches" Wall-Street-Apartment zusammenphantasiert hatte. Als wir dann durch die Drehtür der Nummer 45 schritten, erwiesen sich alle Phantasien als zutreffend: polierte Marmorböden, ausladender goldener Weihnachtsbaum am Ende der Lobby, Concierge in Uniform, Aufzug zum 12. Stock. Hoffentlich ist M. nett und noch nicht einer von diesen harten Börsen-Hunden geworden, sorgte ich mich auf dem Weg nach oben.

Der Mann, der uns im Schlafanzug die Tür aufriss, schien aber alles andere als ein Börsen-Hund zu sein. Nicht nur, dass uns von seinem gewaltigen Lachen auf dem engen Apartment-Flur die Ohren klangen, warme braune Augen verrieten zudem ein großes Herz. Diese Augen lagen allerdings in den dunkelsten Ringen, die ich je gesehen habe; auch die Lider waren violett-schwarz verfärbt. Das Banker-Dasein hatte also doch seine Spuren hinterlassen. Kein Wunder: wie uns M. später erzählte, arbeitet er bis zu 100 Stunden pro Woche - und hat damit noch Glück. Denn im Gegensatz zu vielen Kollegen hat M. "ein Leben", kann zweimal pro Woche ausgehen und durfte in diesem Jahr über Weihnachten Urlaub nehmen. Er isst nie zuhause, da die Firma das Abendessen für alle bezahlt, die länger als bis 20 Uhr bleiben, und wenn er mal früh genug nach Hause kommt, ist kochen zu aufwendig, um für ihn angenehm zu sein. Falls er am Wochenende nicht arbeiten muss, schläft er aus, erledigt die Post, bringt Sachen in die Reinigung, schaut eine DVD oder trifft Freunde zum Brunch; falls er arbeiten muss, arbeitet er durch. Dafür ist er wahrscheinlich mit 35 finanziell sorgenfrei und kann in Rente gehen.

Dieses Wochenende musste er jedenfalls nicht rabotten, nahm uns strahlend in Empfang und führte uns durch sein Apartment, das er mit einer Mitbewohnerin teilt. Wer Janoschs "Der kleine Affe" gelesen hat, kennt den Effekt - "und hinten an der Villa dann / ist der Affenkäfig dran"... Die Küche war, bis auf eine italienische Espresso-Machinetta und einige bunte Likörflaschen, leer; in Ms Zimmer türmten sich Anzüge, DVD-Stapel, Hemden und offene Süßkramtüten. Zu Ms Ehrenrettung muss man jedoch sagen, dass er erst vor eineinhalb Monaten eingezogen ist und wirklich kaum Zeit hat, neben seiner Arbeit für "homey touches" Sorge zu tragen.

Die Führung endete in dem Zimmer, in dem Michael und ich nächtigen sollten. Wir traten ein - und sahen uns einem großen körnigen Schwarzweiß-Foto gegenüber, das über dem Doppelbett hing und eine junge Frau von achtern zeigte. Im Zentrum des Bildes: des Menschen am wenigsten nobles Körperteil; bekleidet mit einer schwarzen Spärlichkeit, die meine Großmutter hätte die Nase rümpfen lassen. Offenbar hatte der Fotograf eine "lässige" Szene stellen wollen, denn die junge Frau lag diagonal auf einer hellen Fläche, hatte die Beine - mit hochhackigen Schuhen - in der Luft gekreuzt und las in einer Zeitschrift. "Das ist übrigens meine Mitbewohnerin", wies M. auf das Foto. "Sie modelt. Aber keine Sorge, kein Porno-Kram." Ob sie erfolgreich sei, wollten wir wissen. M. zuckte die Schultern. "Sie ist die amtierende Miss Ecuador/New York", gab er zurück. Aha. "Das heißt", erklärte M. weiter, "von allen Ecuadorianerinnen, die in New York leben, ist sie derzeit die schönste." Na, wenn das mal nichts ist! "Ihr könnt dann einfach ihr Bett nehmen, sie ist am Wochenende nicht da und kommt erst Donnerstag zurück." Ist ihr das denn recht, fragten wir M. "Keine Ahnung. Aber sie erfährt's ja nicht."

Etwas skeptisch schauten Michael und ich auf das Doppelbett, das unter einem Klamotten- und Kissenberg kaum zu sehen war. Wir sollten also im Bett der abwesenden Miss Ecuador/New York schlafen, in Gott weiß wie alter Bettwäsche. M. nahm das alles gelassen, griff den Klamottenberg mit beiden Armen und wuchtete ihn schwungvoll auf ein schmales Sofa im Flur. Ich nutzte die Gunst der Stunde, um mich umzusehen und die bohrende Frage zu beantworten: wie lebt ein Model wirklich?

Das Zimmer war kaum möbliert. Neben dem Doppelbett fand sich ein schmaler schwarzer Lackschreibtisch mit Regalaufbau, auf dem einsam ein grün bemützter Teddy und ein angelaufenes Lebkuchenherz mit "Grüßen vom Oktoberfest" (!) Wache hielten. Eine rote Nachtischlampe, ein Haufen Stiefel in der Ecke, ein Raumluftbefeuchter, eine Kleiderstange und eine Hutablage aus Metall; das war schon alles. An der Kleiderstange hing, was ein Model offenbar so braucht - ein Asien-inspirierter Chiffon-Fummel nebst schlumpfblauem Paillettenkleid (rückenfrei), ledernen Kniebundhosen in Schwarz und einer rosafarbenen Polsterjacke. Die Hutablage beherbergte zu meinem Entzücken ein Potpourri von Taschenbüchern. Miss Ecuador/New York schien klare Vorlieben zu haben - neben Helen Valentines Better Than Beauty. A Guide to Charm fand sich James W. Halls Body Language (third edition); außerdem Louis Lautmann: The Universal Laws of Success; eine Doppel-DVD mit dem Titel American Dining & Entertaining Etiquette; ferner Business Etiquette aus der erfolgreichen gelb-schwarzen Reihe "for Dummies" und zum Schluss Jessie Shiers' The Quotable Bitch. Women Who Tell It Like It Really Is. Wow!

Es gibt sie also wirklich, die Welt der Reichen und Schönen und solcher, die letzteres sind und ersteres werden wollen - und sei es mit der Hilfe von Büchern. Ich hätte darin übrigens ganz bestimmt eine Antwort gefunden, was die angemessene Kleidung für die anstehende Holiday-Party wäre, doch so viel Zeit hatten wir nicht. Ms Beruhigungsversuch - "Der Gastgeber kommt immer mit Fliege und so, aber macht euch keine Gedanken, es wird nicht besonders formal" - schlug fehl. Ich sprang daher trotz der eisigen Temperaturen in einen garantiert vorgestrigen Minirock und war immer noch leicht nervös. M rief angesichts meiner Kleiderwahl ein Taxi, das uns ins East Village brachte, wo wir vor der Party zu Abend essen wollten. Michael und ich waren hin und weg - das East Village war wie Berlin-Kreuzberg, nur XXL. Und so anders als Princeton, dass es jeder Beschreibung spottet. Nachdem wir uns erfolgreich mit Ente, Curry, Papaya und Thunfisch-Tartar bewegungsunfähig gegessen hatten, nahte die Stunde der Wahrheit. M. rief ein weiteres Taxi, und wir düsten auf vereisten Straßen zum "Greenwhich Treehouse", einer Bar im East Village, die der Gastgeber gemietet hatte.

Zu Michaels und meiner Erleichterung verbarg sich hinter dem Namen eine ganz urige Kneipe in Grün- und Brauntönen. Der Gastgeber trug wirklich die angekündigte Fliege und sah mit seiner Weste, Nickelbrille und dem freundlichen Mondgesicht aus, als sei er einem Heinz-Rühmann-Film entsprungen. Er begrüßte uns mit Handschlag und verkündete: "I LOVE Germany!" Überhaupt war Germany das Konversationsthema, das uns durch den Abend brachte, denn wo immer wir vorgestellt wurden, kam das Gespräch auf Autos, Bier und Fußball. Manchmal muss man Klischees einfach dankbar sein.

Nach eineinhalb Stunden schlug M. vor, mit zwei Ladies, die er irgendwoher kannte, noch auf eine Privatparty zu gehen. Michael und ich waren schon aus soziologischen Gründen viel zu neugierig um abzulehnen. Ich landete daher mit zwei mir unbekannten Damen mal wieder in einem Taxi, die Herren ein paar Taxen hinter uns, und gondelte durch die New Yorker Nacht. Im Taxi gingen Partygeschichten über "the vomiting kid" hin und her, das die letzte Party gesprengt hatte. Gut, dachte ich, schlimmer als the vomiting kid kannst du dich auch nicht vorbeibenehmen, was mich irgendwie beruhigte. Das Taxi stoppte vor einem etwas heruntergekommenen Altbau. Wir stapften in den 4. Stock zum Penthouse, in dem wohlgekleidete Anfangzwanziger herumstanden, Wein tranken oder im Kamin Marshmallows rösteten. Flachbildfernseher, Bahamas, Long Island - wir fanden keinen Eingang in die Gespräche. So endeten einige Konversationsversuche mit verlegenem Schweigen auf beiden Seiten. Michael brachte es später auf den Punkt: "Ich habe mich irgendwie alt gefühlt." Wenigstens schien mein Rock so durchzugehen, denn keine der Ladies gab ein trompetendes "I LOVE your skirt!" von sich, was ein ganz schlechtes Zeichen gewesen wäre.

Tief in der Nacht kehrten wir in die Räuberhöhle auf der Wall Street zurück und zogen - unter den Decken der Miss Ecuador/New York - Bilanz: Blamiert hatten wir uns nicht, aber reingekommen waren wir auch nicht. Während wir dem 3. Advent entgegendämmerten, schwappte der Lärm der Wall Street an unsere Scheiben. Vor meinen Augen flimmerten bunte Flecken. An Schlaf war nicht zu denken - doch wer wollte auch schlafen in New York?

Sonntag, 2. Dezember 2007

Unterwegs mit Dada

"The next stop is Trenton. Trenton ist the next stop!" Die Blechstimme des Zugführers stach mir ins Ohr und ließ mich ich aus meiner Reiselektüre hochfahren (Kurt Schwitters: "Auguste Bolte. Ein Lebertran", 1923). Da war es also: Trenton. 85.000 Einwohner, Landeshauptstadt von New Jersey und somit auch Sitz der Social Security Administration, bei der ich vorstellig zu werden hatte, um eine Sozialversicherungsnummer zu beantragen.

Laut Google Maps sollte der Weg dorthin ganz einfach sein - immer die South Clinton Avenue herunter und dann gegenüber eines Einkaufszentrums rechts herein. Nur war mir nicht klar, welche der Schnellstraßen, die kreuz und quer am Bahnhof vorbeiführten, die South Clinton Avenue war. Wer Sorgen hat, braucht auch Likör. Verwirrt drehte ich mich zwischen dem Bahnhofsvorplatz und einer dröhnenden Baustelle im Kreis und sah zum Glück auf der anderen Platzseite eine dicke Polizistin vorbeiwatscheln. Ich sprach sie an: "Excuse me, Ma'am, where can I find the Social Security Administration, please?" Sie schnaufte unter dem Gewicht meiner Frage und biss sicherheitshalber in einen Doughnut, um sich für die Antwort zu stärken. Dann zuckte sie kauend die Achseln: "I dunno. Why don't you ask the gentleman over there?" Sie wies auf einen Passanten, der uns wiederum auf der anderen Platzseite entgegenkam, und setzte sich mühsam wieder in Bewegung.

Ich sauste zurück und stellte auch ihm meine Frage. Er deutete auf eine Brücke und murmelte etwas von "three blocks". Auf der Brücke stoppte ich einen Fahrradfahrer, der die eingeschlagene Richtung für völlig falsch hielt und mich zum Bahnhof zurückschickte, wo ich den Pförtner eines Bürohochhauses um Rat bitten sollte. Der Pförtner bog sich vor Lachen, als er hörte, dass ich zu Fuß unterwegs sei. "Hey Bob", schrie er einem Kollegen zu, "guess what: this young lady wants to go to the SSA and is WALKING!" Beide wollten sich ausschütten. Ob es denn zu weit zum Laufen sei, wollte ich wissen. "It's not far, dear, but it's not a pretty walk. Well, if you insist..." Anschließend rollte sich eine Wegbeschreibung vor mir ab, dass ich mit den Ohren wackelte. Zurück zur Brücke, an der dritten Ampel rechts in die Hamilton Avenue, dann noch einmal zwei Blocks, bei einem Friseurladen scharf links abbiegen, an der Tankstelle vorbei quer über einen Parkplatz usw. usw.

Auguste aber war kurz von Entschluß und ging schnell entschlossen den einen 5 nach. Auguste war aber auch gewissenhaft, gewissermaßen Charakter. Ja, sollten es auch wohl die andern 5 gewesen sein? Salzige Zweifel kochten in ihrem armen, gemarterten Schädel, etwa wie Sauerkohl. Es kam ihr so verdächtig vor, gerade 5. Sie ging noch ein paar Schritt, da kam ihr die Eingebung, es müssen die andern 5 gewesen sein. Aber was denn gewesen sein? Jedenfalls besann sie sich und kehrte, kurz von Entschluß wie sie war, kurzentschlossen um und ging den andern 5 nach. Fräulein Auguste sah es nämlich nicht ein, weshalb sie nicht ebensogut diesen 5 nachgehen sollte wie den einen 5. 5 ist 5, und 5 Menschen sind 5 Menschen, von individuellen Eigentümlichkeiten abgesehen, die aber in diesem Spezialfalle gewissermaßen gleichgültig waren. Also ging sie den andern 5 nach.

Ich dankte und kehrte zum zweiten Mal zur Brücke zurück, auf der mittlerweile die Polizistin - immer noch kauend, nun aber auch einen Kaffee in der Hand haltend - Position bezogen hatte. Sie war mitten in einem bärbeißigen Dialog mit einem Bauarbeiter und hielt mich an, als ich vorbeitrabte. "Are you still looking for the SSA place?" Ich nickte, und der Bauarbeiter platzte los: "I know where it is. It's not where it used to be, they moved it. The new one is..." Zweimal schärfte er mir alle Wegpunkte ein, ließ mich alles wiederholen und wünschte mir Glück.

Aber kein Mensch kann seinem Schicksal entgehen. Die Entfernung der beiden je 5 war allmählich so groß geworden, daß Auguste mit Aufbietung aller Schnelligkeit nur noch ein letztes Mal mit Aussicht auf Erfolg, die andern 5 zu treffen, den Weg um die Ecke wagen durfte. Einmal muß der Mensch sich endgültig entscheiden. Das ist Menschenlos. So traurig es an und für sich auch ist. Und so überwand Auguste ihre salzigen Bedenken, ob sie recht täte, den einen oder den andern 5 zu folgen, und entschloß sich, noch ein letztes Mal den Weg um die Ecke zu laufen, um die einen 5 zu erreichen.

Beflügelt von so viel Kompetenz und Freundlichkeit, verließ ich mit ganz neuen Koordinaten die vermaledeite Brücke und machte mich weisungsgemäß Richtung Innenstadt auf. Mein Zutrauen in den Bauarbeiter schrumpfte jedoch mit jedem Schritt, da keiner der beschriebenen Wegpunkte aufzufinden war. Schließlich fragte ich eine ältere Dame, ob ich noch auf der richtigen Fährte sei. "The SSA?" riss sie ungläublig die Augen auf, "Jesus, you're way off! It's at the other end of town!" Entmutigt fragte ich, wie weit es denn zu Fuß dorthin sei. "Oh, girl, don't walk. Go back to the station and take a cab. It's safer, too", riet sie mir noch mit einem vielsagenden Blick auf die Gegend und verschwand in einem Hauseingang. Da fiel mir wieder ein, was ich kürzlich über Trenton gelesen hatte: reicher Industriestandort in den 20ern ("Trenton makes, the world takes"), inzwischen jedoch sehr verarmt - und auf Platz vier der gefährlichsten amerikanischen Städte in der Klasse 75.000-100.000 Einwohner. Wie hatte James Madison 1787 noch gesagt? Trenton sei "a dismembered torso bleeding into Philadelphia and New York". Ich schluckte, fühlte mich in meiner leuchtend weißen Jacke plötzlich sehr unwohl und machte zu, dass ich zurück zum Bahnhof kam. Dort ließ ich mich auf die Rückbank eines Taxis fallen und sagte dem Fahrer, wohin ich wollte.

Wir rollten langsam vom Bahnhofvorplatz und bogen um einige Blocks. Der Fahrer schaltete sein Taxameter nicht ein. Unruhig begann ich, auf meinem Sitz hin und her zu rutschen und sah schon die Überschrift vor mir: "Taxifahrer entführt deutsche Studentin - Steinmeier: Lage aussichtslos - Freunde: Wir hielten sie nie für so naiv". Ich beugte mich vor und fragte: "Excuse me, why don't you switch the meter on?" Er brummte: "Guess I forgot. But we're there now anyways." Das Taxi kam auf einem Hinterhof zum Stehen, der aussah, als gehöre er zu einer Videothek. Ich beschloss, dass trotzdem alles besser sei als Taxifahren, drückte ihm die geforderten vier Dollar plus Trinkgeld in die Hand, sprang aus dem Taxi - und sah mich voller Verblüffung einer Glastür mit der Aufschrift "Social Security Administration" gegenüber.

Im ersten Stock der SSA wurde ich zur Begrüßung von einem Schild ermahnt, keine Waffen mit hereinzubringen (zählt Kurt Schwitters dazu oder nicht?), mein Handy auszuschalten (machte ich) und bloß kein Essen auszupacken (ignorierte ich). Sodann sollte ich eine Nummer ziehen und warten. Vor mir hing ein Portrait von George W. an der Wand. Mit blanken runden Äuglein lächelte er auf die Wartenden hernieder. Ob er von der Effizienz seiner Behörde oder von sich selbst so gerührt war, ging aus seinem Teddygesicht nicht hervor. Hinter meiner Stuhlreihe schritt ein bewaffneter Polizist mit Glatze und Zorro-Bärtchen auf und ab, der im Gegensatz zu George W. gar nicht lächelte.

Nummer 69 - mein Augenblick war gekommen. Ich trat vor das Glasfenster eines Schalters und legte dem Mann auf der anderen Seite mein Anliegen dar. Er besah sich meine Dokumente. Ein Zucken lief wie ein Kabelbrand von seinem linken Nasenflügel zum Auge. "You're not eligible for a social security number because of your visa status. I'll give you a denial letter. Then the university has to make the necessary arrangements to authorize you, and then you can come back and apply again", verkündete er. Ich verstand nicht. "But I'm here on an F1 student visa, I'm allowed to work 20 hours per week, and I'm employed by Princeton University." Er wiederholte: "You're not eligible for a social security number..." Dann wieder ich: "But I'm here on an F1 student visa..." Dann wieder er: "You're not eligible for a ..." Und ich: "But I'm here on an F1..." Und er...

Auguste fand auch die Straße wieder und ging in ein Haus. Parterre stand an der Tür: »Frau getrocknete Pflaumenerzeugerswitwe Alma Schulz.« Der Titel kam Auguste sehr verdächtig vor. Sie klingelte, und als eine Frau ihr öffnete, sagte sie: »Ist hier wohl vor etwa einer Stunde ein junges Mädchen hereingekommen, welches sich von 4 Genossen zuvor auf der Straße abgetrennt hatte?« Frau getrocknete Pflaumenerzeugerswitwe sagte, es wäre vielleicht gegenüber gewesen. Frl. Dr. Auguste klingelte nun gegenüber und fragte: »Ist hier wohl vor etwa einer Stunde ein junges Mädchen hereingekommen, welche sich kurz zuvor von 4 Genossen abgetrennt hatte?« Die betreffende Dame sagte: »Vielleicht gegenüber?« Frl. Dr. Auguste klingelte also wieder gegenüber bei der wirklichen geheimen Pflaumenerzeugerswitwe Alma Schulz und sagte zu der Dame, als diese ihr öffnete, die Dame von vis-à-vis hätte sie hierher gewiesen, und so nähme sie noch einmal Gelegenheit, zu fragen, ob hier vielleicht ein junges Mädchen vor einer Stunde hereingekommen wäre, indem dieses sich von vier Genossen zuvor abgetrennt gehabt hätte.

Wir waren beide gleichermaßen freundlich geblieben, ignorierten uns aber gegenseitig. Nach der fünften Wiederholung trat eine Pause ein. Wieder lief ein Zucken über seinen Wangenknochen. "You did well in refusing to listen to me. I just realized that you are here on an F1 student visa, and you're allowed to work 20 hours per week." Er füllte ein Formular aus, ließ es mich unterzeichnen und schloss mit den Worten: "We will mail the card with the social security number to you on Monday. Have a nice day."

Der Mensch ist ein Vieh, ja ein Viehlu sogar. Als ich den Schalter verließ, erwiderte ich George W.s wissendes Lächeln. Wer auf dem Weg zu einer amerikanischen Behörde dadaistische Texte liest, muss sich nicht wundern, wie dicht das Leben manchmal der Literatur auf den Versen ist.

Dienstag, 27. November 2007

Speed 3 (mit italienischen Untertiteln)

Wie jeder Janosch-Leser weiß, sind kalte Füße kein großes Übel, doch sie hindern an erfreulichen Gedanken. Das fiel mir ein, während ich - mit viel zu dünnen Leder-Mokassins - in der klammen Novemberkälte auf den Bus wartete. Und wartete. Und wartete. Als selbst energisches Von-einem-Fuß-auf-den-anderen-Treten und mindestens ebenso energische Autosuggestionsversuche ("Südsee!") nicht mehr helfen wollten, unternahm ich einen Solidarisierungsanlauf und sprach einen frierenden Kommilitonen von der Seite an. Das Gesicht, das sich mir daraufhin zuwandte, bestand nur aus Schal. "The bus? Long gone", sagte der Schal dumpf, "and the next one is due in 40 minutes. But if you hurry up, you might have a chance - I can see two buses down by the traffic light. The second one could be the one you want."

Tatsächlich rollten keine 300 Meter weiter unten gerade zwei kleine Shuttle-Busse aus einer Querstraße auf eine rote Ampel zu. Ich fragte den Schal: "What about you?" Er wies traurig auf seinen eingegipsten Fuß und meinte: "I can't. But you should go ahead and give it a try." Ich ließ den Genossen Schal daher im Sinne unserer Sache zurück und raste auf den zweiten Bus zu. "Is this the Green Line?" fragte ich japsend auf dem Trittbrett. "No, sorrrry darling, it's the other one", antwortete der Fahrer im schönsten italienisch-amerikanischen Singsang, woraufhin ich vom Trittbrett sprang und auf den anderen Bus losstürmte - der natürlich just in diesem Moment anfuhr. Doch so leicht wollte ich mich nicht abschütteln lassen und setzte dem Bus in einem Schweinsgalopp den Berg hinunter nach, dass die Mokassins qualmten.

Vergeblich. Plötzlich zog jedoch der falsche Bus von hinten wieder an mich heran. Als der Fahrer auf einer Höhe mit mir war, öffnete er die Tür und schrie mir zu: "Hop on, we will get the other one for you!" Ich sprang in den Bus, der Fahrer gab Vollgas, und mit einem ergrimmten sizilianischen Funkeln in den Augen holte er aus der Kiste, was herauszuholen war. Binnen Sekunden hatte er zur Green Line aufgeschlossen. Während ich angesichts der Wahnsinnsfahrt bergab die Sitzlehne fest umklammert hielt, löste der Fahrer beide Hände vom Lenkrad, hielt mit der Rechten die Hupe gedrückt und fuchtelte wild mit der Linken. Siehe da: Der Bus vor uns scherte auf den Seitenstreifen aus und machte die Tür auf, um mich an Bord zu lassen! Mein Fahrer ließ endlich die Hupe los, reichte mir die freigewordene Rechte und wünschte mir höflich einen schönen Abend. Beglückt schaukelte ich im richtigen Bus nach Hause und hatte ich nicht einmal mehr kalte Füße.

Sonntag, 25. November 2007

Glück, 22 Pfund schwer

Es ist seit je eine der schwierigsten Aufgaben für Literaten, Zustandsbeschreibungen des Glücks zu liefern. Holten sich die Literaten nur bei den Köchen Rat, ihre Sorgen schnurrten zusammen wie ein verschrecktes Soufflé: Ein Stück vom Glück wiegt genau 22 Pfund, muss geschickt gefüllt sowie regelmäßig mit Bratensaft übergossen werden und erscheint nach guten vier Stunden Garzeit als Thanksgiving-Truthahn auf dem Esstisch.

Mit dieser Herangehensweise machen es sich die Köche übrigens keineswegs leicht. Vielmehr ist ihnen wohl bewusst, dass es in Glücksfragen um existentielle Dinge geht. So wurde auch der Thanksgiving-Truthahn in der Familie meines Freundes sicherheitshalber mit einem Digitalthermometer verkabelt, das sich aus dem Ofen schlängelte und in eine kleine Mess-Station auf der Arbeitsplatte mündete, um die mittlere Fleischtemperatur und den perfekten Garpunkt nicht zu verpassen. Wer zusätzlich zu Bauchgefühl und digitalen Daten eine Drittmeinung einholen möchte oder in Sachen Truthahn ganz einfach unsicher ist, kann zudem eine Nummer der Firma Butterball anrufen, die eigens zur Thanksgiving- und Weihnachtszeit geschaltet wird: Man wähle 1-800-Butterball, und schon landet man in der "Turkey Talk-Line", in der Experten ("Astrid Volpert, bilingual expert, 7 years talking turkey and a can-do attitude") zwischen 1. November und 28. Dezember retten, was zu retten ist. Dass die Experten am Thanksgiving-Tag angesichts Millionen vor sich hin garender Truthähne starke Nerven brauchen, versteht sich von selbst.

In unserem Fall war fremde Hilfe jedoch unnötig. Wir schwebten mit unserem Prachtexemplar im siebten Himmel, denn er war so knusprig und zugleich saftig-zart, wie ich noch nie Truthahn gegessen habe. Zusammen mit Cranberry-Orangen-Kompott, Füllung, glasierten Möhren, grünen Bohnen, Sauerkraut, Kartoffelpüree (mein Beitrag als Deutsche!), Gravy sowie dreierlei Pie hat uns der Truthahn einige Stunden beschäftigt. Die Köchin war zufrieden, die ganze Familie saß um den Tisch, und alle erzählten. Keine Sekunde habe ich mich fremd gefühlt. Und das, liebe Literaten, ist Glück!
- PJS

Dienstag, 20. November 2007

Just squeeze me...

...but please don't tease me: what's a squeeze? What does it have to do with Princeton? And what is this blog all about anyways? As truly devoted students do, let's consult the dictionary for help:

squeeze |skwēz| verb 1 [trans.] firmly press (something soft or yielding), typically with one's fingers : Kate squeezed his hand affectionately | [intrans.] he squeezed with all his strength. • [trans.] extract (liquid or a soft substance) from something by compressing or twisting it firmly : squeeze out as much juice as you can | [as adj. with submodifier] (squeezed) freshly squeezed orange juice. • [trans.] obtain (something) from someone with difficulty : a governor who wants to squeeze as much money out of taxpayers as he can. • Bridge force (an opponent) to discard a guarding or potentially winning card. 2 [intrans.] manage to get into or through a narrow or restricted space : Sarah squeezed in beside her | he found a hole in the hedge and squeezed his way through. • [trans.] manage to force into or through such a space : she squeezed herself into her tightest pair of jeans. • [intrans.] (squeeze up) move closer to someone or something so that one is pressed tightly against them or it. • [trans.] (squeeze someone/something in) manage to find time for someone or something : the doctor can squeeze you in at noon.noun 1 an act of pressing something with one's fingers : a gentle squeeze of the trigger. • a hug. • a state of forcing oneself or being forced into a small or restricted space : it was a tight squeeze in the tiny hall. • dated a crowded social gathering. • a small amount of liquid extracted from something by pressing it firmly with one's fingers : a squeeze of lemon juice. • Bridge a tactic that forces an opponent to discard an important card. • (also squeeze play or suicide squeeze) Baseball an act of bunting a ball in order to enable a runner on third base to start for home as soon as the ball is pitched. 2 informal a person's girlfriend or boyfriend : the poor guy just lost his main squeeze.

Better than anything else, the dictionary entry describes what this blog is all about. It's about running one's fingertips over an entirely new life to find the good spots and squeeze the juicy goodness out of it. It's about squeezing one's way through grad school at Princeton. It's about squeezing in some time to write. It's about squeezing the winning cards from the small town that is now called home. It's about being squeezed into bilingual chaos and polyglotism. It's about closeness and alienation, about squeezing up and retracting. Believe me, Princeton is a squeeze! And if you'd like to know more about it, you should come back and read on.
- PJS

Sonntag, 18. November 2007

"Neues aus Amerika" ist jetzt ein Blog

Erinnert sich noch jemand an die aufwendige Werbekampagne, als im Jahr 1991 aus "Raider" plötzlich "Twix" wurde? Die Produzenten hatten die berechtigte Sorge, dass unter dem neuen Namen niemand mehr anbeißen würde - und so musste ein merkwürdiges hermaphrodites TV-Wesen im Goldkostüm mehrmals täglich versprechen: "Aus Raider wird jetzt Twix, sonst ändert sich nichts." Ein ähnliches Versprechen wird hier gemacht: Wenn "Neues aus Amerika" jetzt als Blog erscheint, heißt das nicht, dass die Rezeptur verändert wird. Vielmehr habe ich mich zum Bloggen entschlossen, da es mehr Möglichkeiten, Komfort und - es sei zugegeben - Spielerei für alle Seiten bietet (Fotos, Kommentare etc.).

Es verbindet sich aber auch ein etwas ernstgemeinteres Anliegen damit. Streng nach der medienwissenschaftlichen Überzeugung, dass die Form auf den Inhalt durchschlägt, möchte ich mich dem Blog als Format aussetzen und wieder regelmäßiger schreiben - im vollen Vertrauen darauf, dass das Medium meinen Gedanken schon mit zu 'Format' verhelfen wird. "Princeton frisch gepresst" spielt dabei mehrfach auf die Presse an. Zum einen natürlich auf den Journalismus, auf das schnelle Schreiben von kleinen Texten, aufs Eilige. Zum anderen - ganz naheliegend - auf Vitaminreiches, manchmal auch Saures und vor allem Erfrischendes, das nicht im Filter hängen bleibt. Die 10. Ausgabe von "Neues aus Amerika" wird also in Kürze hier erscheinen. Ich hoffe, ihr bleibt mir treu!

- PJS