Wie jeder Janosch-Leser weiß, sind kalte Füße kein großes Übel, doch sie hindern an erfreulichen Gedanken. Das fiel mir ein, während ich - mit viel zu dünnen Leder-Mokassins - in der klammen Novemberkälte auf den Bus wartete. Und wartete. Und wartete. Als selbst energisches Von-einem-Fuß-auf-den-anderen-Treten und mindestens ebenso energische Autosuggestionsversuche ("Südsee!") nicht mehr helfen wollten, unternahm ich einen Solidarisierungsanlauf und sprach einen frierenden Kommilitonen von der Seite an. Das Gesicht, das sich mir daraufhin zuwandte, bestand nur aus Schal. "The bus? Long gone", sagte der Schal dumpf, "and the next one is due in 40 minutes. But if you hurry up, you might have a chance - I can see two buses down by the traffic light. The second one could be the one you want."
Tatsächlich rollten keine 300 Meter weiter unten gerade zwei kleine Shuttle-Busse aus einer Querstraße auf eine rote Ampel zu. Ich fragte den Schal: "What about you?" Er wies traurig auf seinen eingegipsten Fuß und meinte: "I can't. But you should go ahead and give it a try." Ich ließ den Genossen Schal daher im Sinne unserer Sache zurück und raste auf den zweiten Bus zu. "Is this the Green Line?" fragte ich japsend auf dem Trittbrett. "No, sorrrry darling, it's the other one", antwortete der Fahrer im schönsten italienisch-amerikanischen Singsang, woraufhin ich vom Trittbrett sprang und auf den anderen Bus losstürmte - der natürlich just in diesem Moment anfuhr. Doch so leicht wollte ich mich nicht abschütteln lassen und setzte dem Bus in einem Schweinsgalopp den Berg hinunter nach, dass die Mokassins qualmten.
Vergeblich. Plötzlich zog jedoch der falsche Bus von hinten wieder an mich heran. Als der Fahrer auf einer Höhe mit mir war, öffnete er die Tür und schrie mir zu: "Hop on, we will get the other one for you!" Ich sprang in den Bus, der Fahrer gab Vollgas, und mit einem ergrimmten sizilianischen Funkeln in den Augen holte er aus der Kiste, was herauszuholen war. Binnen Sekunden hatte er zur Green Line aufgeschlossen. Während ich angesichts der Wahnsinnsfahrt bergab die Sitzlehne fest umklammert hielt, löste der Fahrer beide Hände vom Lenkrad, hielt mit der Rechten die Hupe gedrückt und fuchtelte wild mit der Linken. Siehe da: Der Bus vor uns scherte auf den Seitenstreifen aus und machte die Tür auf, um mich an Bord zu lassen! Mein Fahrer ließ endlich die Hupe los, reichte mir die freigewordene Rechte und wünschte mir höflich einen schönen Abend. Beglückt schaukelte ich im richtigen Bus nach Hause und hatte ich nicht einmal mehr kalte Füße.
Dienstag, 27. November 2007
Sonntag, 25. November 2007
Glück, 22 Pfund schwer
Es ist seit je eine der schwierigsten Aufgaben für Literaten, Zustandsbeschreibungen des Glücks zu liefern. Holten sich die Literaten nur bei den Köchen Rat, ihre Sorgen schnurrten zusammen wie ein verschrecktes Soufflé: Ein Stück vom Glück wiegt genau 22 Pfund, muss geschickt gefüllt sowie regelmäßig mit Bratensaft übergossen werden und erscheint nach guten vier Stunden Garzeit als Thanksgiving-Truthahn auf dem Esstisch.
Mit dieser Herangehensweise machen es sich die Köche übrigens keineswegs leicht. Vielmehr ist ihnen wohl bewusst, dass es in Glücksfragen um existentielle Dinge geht. So wurde auch der Thanksgiving-Truthahn in der Familie meines Freundes sicherheitshalber mit einem Digitalthermometer verkabelt, das sich aus dem Ofen schlängelte und in eine kleine Mess-Station auf der Arbeitsplatte mündete, um die mittlere Fleischtemperatur und den perfekten Garpunkt nicht zu verpassen. Wer zusätzlich zu Bauchgefühl und digitalen Daten eine Drittmeinung einholen möchte oder in Sachen Truthahn ganz einfach unsicher ist, kann zudem eine Nummer der Firma Butterball anrufen, die eigens zur Thanksgiving- und Weihnachtszeit geschaltet wird: Man wähle 1-800-Butterball, und schon landet man in der "Turkey Talk-Line", in der Experten ("Astrid Volpert, bilingual expert, 7 years talking turkey and a can-do attitude") zwischen 1. November und 28. Dezember retten, was zu retten ist. Dass die Experten am Thanksgiving-Tag angesichts Millionen vor sich hin garender Truthähne starke Nerven brauchen, versteht sich von selbst.
In unserem Fall war fremde Hilfe jedoch unnötig. Wir schwebten mit unserem Prachtexemplar im siebten Himmel, denn er war so knusprig und zugleich saftig-zart, wie ich noch nie Truthahn gegessen habe. Zusammen mit Cranberry-Orangen-Kompott, Füllung, glasierten Möhren, grünen Bohnen, Sauerkraut, Kartoffelpüree (mein Beitrag als Deutsche!), Gravy sowie dreierlei Pie hat uns der Truthahn einige Stunden beschäftigt. Die Köchin war zufrieden, die ganze Familie saß um den Tisch, und alle erzählten. Keine Sekunde habe ich mich fremd gefühlt. Und das, liebe Literaten, ist Glück!
- PJS
Mit dieser Herangehensweise machen es sich die Köche übrigens keineswegs leicht. Vielmehr ist ihnen wohl bewusst, dass es in Glücksfragen um existentielle Dinge geht. So wurde auch der Thanksgiving-Truthahn in der Familie meines Freundes sicherheitshalber mit einem Digitalthermometer verkabelt, das sich aus dem Ofen schlängelte und in eine kleine Mess-Station auf der Arbeitsplatte mündete, um die mittlere Fleischtemperatur und den perfekten Garpunkt nicht zu verpassen. Wer zusätzlich zu Bauchgefühl und digitalen Daten eine Drittmeinung einholen möchte oder in Sachen Truthahn ganz einfach unsicher ist, kann zudem eine Nummer der Firma Butterball anrufen, die eigens zur Thanksgiving- und Weihnachtszeit geschaltet wird: Man wähle 1-800-Butterball, und schon landet man in der "Turkey Talk-Line", in der Experten ("Astrid Volpert, bilingual expert, 7 years talking turkey and a can-do attitude") zwischen 1. November und 28. Dezember retten, was zu retten ist. Dass die Experten am Thanksgiving-Tag angesichts Millionen vor sich hin garender Truthähne starke Nerven brauchen, versteht sich von selbst.
In unserem Fall war fremde Hilfe jedoch unnötig. Wir schwebten mit unserem Prachtexemplar im siebten Himmel, denn er war so knusprig und zugleich saftig-zart, wie ich noch nie Truthahn gegessen habe. Zusammen mit Cranberry-Orangen-Kompott, Füllung, glasierten Möhren, grünen Bohnen, Sauerkraut, Kartoffelpüree (mein Beitrag als Deutsche!), Gravy sowie dreierlei Pie hat uns der Truthahn einige Stunden beschäftigt. Die Köchin war zufrieden, die ganze Familie saß um den Tisch, und alle erzählten. Keine Sekunde habe ich mich fremd gefühlt. Und das, liebe Literaten, ist Glück!
- PJS
Dienstag, 20. November 2007
Just squeeze me...
...but please don't tease me: what's a squeeze? What does it have to do with Princeton? And what is this blog all about anyways? As truly devoted students do, let's consult the dictionary for help:
squeeze |skwēz| verb 1 [trans.] firmly press (something soft or yielding), typically with one's fingers : Kate squeezed his hand affectionately | [intrans.] he squeezed with all his strength. • [trans.] extract (liquid or a soft substance) from something by compressing or twisting it firmly : squeeze out as much juice as you can | [as adj. with submodifier] (squeezed) freshly squeezed orange juice. • [trans.] obtain (something) from someone with difficulty : a governor who wants to squeeze as much money out of taxpayers as he can. • Bridge force (an opponent) to discard a guarding or potentially winning card. 2 [intrans.] manage to get into or through a narrow or restricted space : Sarah squeezed in beside her | he found a hole in the hedge and squeezed his way through. • [trans.] manage to force into or through such a space : she squeezed herself into her tightest pair of jeans. • [intrans.] (squeeze up) move closer to someone or something so that one is pressed tightly against them or it. • [trans.] (squeeze someone/something in) manage to find time for someone or something : the doctor can squeeze you in at noon. • noun 1 an act of pressing something with one's fingers : a gentle squeeze of the trigger. • a hug. • a state of forcing oneself or being forced into a small or restricted space : it was a tight squeeze in the tiny hall. • dated a crowded social gathering. • a small amount of liquid extracted from something by pressing it firmly with one's fingers : a squeeze of lemon juice. • Bridge a tactic that forces an opponent to discard an important card. • (also squeeze play or suicide squeeze) Baseball an act of bunting a ball in order to enable a runner on third base to start for home as soon as the ball is pitched. 2 informal a person's girlfriend or boyfriend : the poor guy just lost his main squeeze.
Better than anything else, the dictionary entry describes what this blog is all about. It's about running one's fingertips over an entirely new life to find the good spots and squeeze the juicy goodness out of it. It's about squeezing one's way through grad school at Princeton. It's about squeezing in some time to write. It's about squeezing the winning cards from the small town that is now called home. It's about being squeezed into bilingual chaos and polyglotism. It's about closeness and alienation, about squeezing up and retracting. Believe me, Princeton is a squeeze! And if you'd like to know more about it, you should come back and read on.
- PJS
squeeze |skwēz| verb 1 [trans.] firmly press (something soft or yielding), typically with one's fingers : Kate squeezed his hand affectionately | [intrans.] he squeezed with all his strength. • [trans.] extract (liquid or a soft substance) from something by compressing or twisting it firmly : squeeze out as much juice as you can | [as adj. with submodifier] (squeezed) freshly squeezed orange juice. • [trans.] obtain (something) from someone with difficulty : a governor who wants to squeeze as much money out of taxpayers as he can. • Bridge force (an opponent) to discard a guarding or potentially winning card. 2 [intrans.] manage to get into or through a narrow or restricted space : Sarah squeezed in beside her | he found a hole in the hedge and squeezed his way through. • [trans.] manage to force into or through such a space : she squeezed herself into her tightest pair of jeans. • [intrans.] (squeeze up) move closer to someone or something so that one is pressed tightly against them or it. • [trans.] (squeeze someone/something in) manage to find time for someone or something : the doctor can squeeze you in at noon. • noun 1 an act of pressing something with one's fingers : a gentle squeeze of the trigger. • a hug. • a state of forcing oneself or being forced into a small or restricted space : it was a tight squeeze in the tiny hall. • dated a crowded social gathering. • a small amount of liquid extracted from something by pressing it firmly with one's fingers : a squeeze of lemon juice. • Bridge a tactic that forces an opponent to discard an important card. • (also squeeze play or suicide squeeze) Baseball an act of bunting a ball in order to enable a runner on third base to start for home as soon as the ball is pitched. 2 informal a person's girlfriend or boyfriend : the poor guy just lost his main squeeze.
Better than anything else, the dictionary entry describes what this blog is all about. It's about running one's fingertips over an entirely new life to find the good spots and squeeze the juicy goodness out of it. It's about squeezing one's way through grad school at Princeton. It's about squeezing in some time to write. It's about squeezing the winning cards from the small town that is now called home. It's about being squeezed into bilingual chaos and polyglotism. It's about closeness and alienation, about squeezing up and retracting. Believe me, Princeton is a squeeze! And if you'd like to know more about it, you should come back and read on.
- PJS
Sonntag, 18. November 2007
"Neues aus Amerika" ist jetzt ein Blog
Erinnert sich noch jemand an die aufwendige Werbekampagne, als im Jahr 1991 aus "Raider" plötzlich "Twix" wurde? Die Produzenten hatten die berechtigte Sorge, dass unter dem neuen Namen niemand mehr anbeißen würde - und so musste ein merkwürdiges hermaphrodites TV-Wesen im Goldkostüm mehrmals täglich versprechen: "Aus Raider wird jetzt Twix, sonst ändert sich nichts." Ein ähnliches Versprechen wird hier gemacht: Wenn "Neues aus Amerika" jetzt als Blog erscheint, heißt das nicht, dass die Rezeptur verändert wird. Vielmehr habe ich mich zum Bloggen entschlossen, da es mehr Möglichkeiten, Komfort und - es sei zugegeben - Spielerei für alle Seiten bietet (Fotos, Kommentare etc.).
Es verbindet sich aber auch ein etwas ernstgemeinteres Anliegen damit. Streng nach der medienwissenschaftlichen Überzeugung, dass die Form auf den Inhalt durchschlägt, möchte ich mich dem Blog als Format aussetzen und wieder regelmäßiger schreiben - im vollen Vertrauen darauf, dass das Medium meinen Gedanken schon mit zu 'Format' verhelfen wird. "Princeton frisch gepresst" spielt dabei mehrfach auf die Presse an. Zum einen natürlich auf den Journalismus, auf das schnelle Schreiben von kleinen Texten, aufs Eilige. Zum anderen - ganz naheliegend - auf Vitaminreiches, manchmal auch Saures und vor allem Erfrischendes, das nicht im Filter hängen bleibt. Die 10. Ausgabe von "Neues aus Amerika" wird also in Kürze hier erscheinen. Ich hoffe, ihr bleibt mir treu!
- PJS
Es verbindet sich aber auch ein etwas ernstgemeinteres Anliegen damit. Streng nach der medienwissenschaftlichen Überzeugung, dass die Form auf den Inhalt durchschlägt, möchte ich mich dem Blog als Format aussetzen und wieder regelmäßiger schreiben - im vollen Vertrauen darauf, dass das Medium meinen Gedanken schon mit zu 'Format' verhelfen wird. "Princeton frisch gepresst" spielt dabei mehrfach auf die Presse an. Zum einen natürlich auf den Journalismus, auf das schnelle Schreiben von kleinen Texten, aufs Eilige. Zum anderen - ganz naheliegend - auf Vitaminreiches, manchmal auch Saures und vor allem Erfrischendes, das nicht im Filter hängen bleibt. Die 10. Ausgabe von "Neues aus Amerika" wird also in Kürze hier erscheinen. Ich hoffe, ihr bleibt mir treu!
- PJS
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