Montag, 17. Dezember 2007

Miss Ecuador (New York)

Der Tag begann damit, dass ich über eine Dame fiel, und endete im Bett eines Models. Dazwischen liegen 14 Stunden New York, eine Räuberhöhle auf der Wall Street, zwei Weihnachtsparties - und ein Kapitel aus dem Buch "Mein surrealer dritter Advent".

Doch zunächst zurück zu der Dame, die ein Opfer der Tatsache wurde, dass alle paar Wochen Land-Eier wie ich in die Großstadt kullern und immer noch nicht gelernt haben, gescheit U-Bahn zu fahren. Genauer gesagt waren mein Freund Michael und ich für ein Wochenende nach Manhattan aufgebrochen, um dem Princetonischen Muff zu entkommen, unsere urbanen Batterien aufzuladen und (zu Michaels berechtigtem Entsetzen) Weihnachtseinkäufe zu machen. Als die U-Bahn an der 34. Straße anruckte, segelte ich auf das - dankenswerterweise humorvolle - Geschöpf neben mir, das milde den Kopf schüttelte über so viel Tapsigkeit. Weniger freundliche New Yorker haben für Fälle wie mich üble Bezeichnungen in Umlauf gebracht, zum Beispiel "she's so bridge-and-tunnel". Darunter fasst man alles zusammen, was von New Jersey oder anderswo über Brücken und durch Tunnel in die Stadt tapert und sich entsprechend benimmt. Also ehrlich, manchmal bin ich ja so was von Brücke-und-Tunnel!

Zum Glück spie uns die U-Bahn ansonsten wohlbehalten an unserem Zielpunkt aus, der Wall Street. Dort wollten wir uns mit Michaels altem Schulfreund M. treffen, der nach dem College im Finanzgeschäft angefangen hat, jetzt bei einer weltbekannten Investmentbank schuftet und zirka einen halben Kilometer Luftlinie von seinem Arbeitsplatz entfernt direkt auf der Wall Street lebt. M. sollte uns nicht nur übers Wochenende beherbergen, sondern hatte für den Abend auch eine "Holiday-Party" bei einigen seiner Freunde in Aussicht gestellt, was während der Fahrt zwei Fragen in meinem Kopf rotieren ließ: a) Worüber unterhält man sich als angebrütete Germanistin mit lauter Brokern? b) Was ziehe ich an??

Müßig zu sagen, dass ich mir auf der Fahrt zudem ein "typisches" Wall-Street-Apartment zusammenphantasiert hatte. Als wir dann durch die Drehtür der Nummer 45 schritten, erwiesen sich alle Phantasien als zutreffend: polierte Marmorböden, ausladender goldener Weihnachtsbaum am Ende der Lobby, Concierge in Uniform, Aufzug zum 12. Stock. Hoffentlich ist M. nett und noch nicht einer von diesen harten Börsen-Hunden geworden, sorgte ich mich auf dem Weg nach oben.

Der Mann, der uns im Schlafanzug die Tür aufriss, schien aber alles andere als ein Börsen-Hund zu sein. Nicht nur, dass uns von seinem gewaltigen Lachen auf dem engen Apartment-Flur die Ohren klangen, warme braune Augen verrieten zudem ein großes Herz. Diese Augen lagen allerdings in den dunkelsten Ringen, die ich je gesehen habe; auch die Lider waren violett-schwarz verfärbt. Das Banker-Dasein hatte also doch seine Spuren hinterlassen. Kein Wunder: wie uns M. später erzählte, arbeitet er bis zu 100 Stunden pro Woche - und hat damit noch Glück. Denn im Gegensatz zu vielen Kollegen hat M. "ein Leben", kann zweimal pro Woche ausgehen und durfte in diesem Jahr über Weihnachten Urlaub nehmen. Er isst nie zuhause, da die Firma das Abendessen für alle bezahlt, die länger als bis 20 Uhr bleiben, und wenn er mal früh genug nach Hause kommt, ist kochen zu aufwendig, um für ihn angenehm zu sein. Falls er am Wochenende nicht arbeiten muss, schläft er aus, erledigt die Post, bringt Sachen in die Reinigung, schaut eine DVD oder trifft Freunde zum Brunch; falls er arbeiten muss, arbeitet er durch. Dafür ist er wahrscheinlich mit 35 finanziell sorgenfrei und kann in Rente gehen.

Dieses Wochenende musste er jedenfalls nicht rabotten, nahm uns strahlend in Empfang und führte uns durch sein Apartment, das er mit einer Mitbewohnerin teilt. Wer Janoschs "Der kleine Affe" gelesen hat, kennt den Effekt - "und hinten an der Villa dann / ist der Affenkäfig dran"... Die Küche war, bis auf eine italienische Espresso-Machinetta und einige bunte Likörflaschen, leer; in Ms Zimmer türmten sich Anzüge, DVD-Stapel, Hemden und offene Süßkramtüten. Zu Ms Ehrenrettung muss man jedoch sagen, dass er erst vor eineinhalb Monaten eingezogen ist und wirklich kaum Zeit hat, neben seiner Arbeit für "homey touches" Sorge zu tragen.

Die Führung endete in dem Zimmer, in dem Michael und ich nächtigen sollten. Wir traten ein - und sahen uns einem großen körnigen Schwarzweiß-Foto gegenüber, das über dem Doppelbett hing und eine junge Frau von achtern zeigte. Im Zentrum des Bildes: des Menschen am wenigsten nobles Körperteil; bekleidet mit einer schwarzen Spärlichkeit, die meine Großmutter hätte die Nase rümpfen lassen. Offenbar hatte der Fotograf eine "lässige" Szene stellen wollen, denn die junge Frau lag diagonal auf einer hellen Fläche, hatte die Beine - mit hochhackigen Schuhen - in der Luft gekreuzt und las in einer Zeitschrift. "Das ist übrigens meine Mitbewohnerin", wies M. auf das Foto. "Sie modelt. Aber keine Sorge, kein Porno-Kram." Ob sie erfolgreich sei, wollten wir wissen. M. zuckte die Schultern. "Sie ist die amtierende Miss Ecuador/New York", gab er zurück. Aha. "Das heißt", erklärte M. weiter, "von allen Ecuadorianerinnen, die in New York leben, ist sie derzeit die schönste." Na, wenn das mal nichts ist! "Ihr könnt dann einfach ihr Bett nehmen, sie ist am Wochenende nicht da und kommt erst Donnerstag zurück." Ist ihr das denn recht, fragten wir M. "Keine Ahnung. Aber sie erfährt's ja nicht."

Etwas skeptisch schauten Michael und ich auf das Doppelbett, das unter einem Klamotten- und Kissenberg kaum zu sehen war. Wir sollten also im Bett der abwesenden Miss Ecuador/New York schlafen, in Gott weiß wie alter Bettwäsche. M. nahm das alles gelassen, griff den Klamottenberg mit beiden Armen und wuchtete ihn schwungvoll auf ein schmales Sofa im Flur. Ich nutzte die Gunst der Stunde, um mich umzusehen und die bohrende Frage zu beantworten: wie lebt ein Model wirklich?

Das Zimmer war kaum möbliert. Neben dem Doppelbett fand sich ein schmaler schwarzer Lackschreibtisch mit Regalaufbau, auf dem einsam ein grün bemützter Teddy und ein angelaufenes Lebkuchenherz mit "Grüßen vom Oktoberfest" (!) Wache hielten. Eine rote Nachtischlampe, ein Haufen Stiefel in der Ecke, ein Raumluftbefeuchter, eine Kleiderstange und eine Hutablage aus Metall; das war schon alles. An der Kleiderstange hing, was ein Model offenbar so braucht - ein Asien-inspirierter Chiffon-Fummel nebst schlumpfblauem Paillettenkleid (rückenfrei), ledernen Kniebundhosen in Schwarz und einer rosafarbenen Polsterjacke. Die Hutablage beherbergte zu meinem Entzücken ein Potpourri von Taschenbüchern. Miss Ecuador/New York schien klare Vorlieben zu haben - neben Helen Valentines Better Than Beauty. A Guide to Charm fand sich James W. Halls Body Language (third edition); außerdem Louis Lautmann: The Universal Laws of Success; eine Doppel-DVD mit dem Titel American Dining & Entertaining Etiquette; ferner Business Etiquette aus der erfolgreichen gelb-schwarzen Reihe "for Dummies" und zum Schluss Jessie Shiers' The Quotable Bitch. Women Who Tell It Like It Really Is. Wow!

Es gibt sie also wirklich, die Welt der Reichen und Schönen und solcher, die letzteres sind und ersteres werden wollen - und sei es mit der Hilfe von Büchern. Ich hätte darin übrigens ganz bestimmt eine Antwort gefunden, was die angemessene Kleidung für die anstehende Holiday-Party wäre, doch so viel Zeit hatten wir nicht. Ms Beruhigungsversuch - "Der Gastgeber kommt immer mit Fliege und so, aber macht euch keine Gedanken, es wird nicht besonders formal" - schlug fehl. Ich sprang daher trotz der eisigen Temperaturen in einen garantiert vorgestrigen Minirock und war immer noch leicht nervös. M rief angesichts meiner Kleiderwahl ein Taxi, das uns ins East Village brachte, wo wir vor der Party zu Abend essen wollten. Michael und ich waren hin und weg - das East Village war wie Berlin-Kreuzberg, nur XXL. Und so anders als Princeton, dass es jeder Beschreibung spottet. Nachdem wir uns erfolgreich mit Ente, Curry, Papaya und Thunfisch-Tartar bewegungsunfähig gegessen hatten, nahte die Stunde der Wahrheit. M. rief ein weiteres Taxi, und wir düsten auf vereisten Straßen zum "Greenwhich Treehouse", einer Bar im East Village, die der Gastgeber gemietet hatte.

Zu Michaels und meiner Erleichterung verbarg sich hinter dem Namen eine ganz urige Kneipe in Grün- und Brauntönen. Der Gastgeber trug wirklich die angekündigte Fliege und sah mit seiner Weste, Nickelbrille und dem freundlichen Mondgesicht aus, als sei er einem Heinz-Rühmann-Film entsprungen. Er begrüßte uns mit Handschlag und verkündete: "I LOVE Germany!" Überhaupt war Germany das Konversationsthema, das uns durch den Abend brachte, denn wo immer wir vorgestellt wurden, kam das Gespräch auf Autos, Bier und Fußball. Manchmal muss man Klischees einfach dankbar sein.

Nach eineinhalb Stunden schlug M. vor, mit zwei Ladies, die er irgendwoher kannte, noch auf eine Privatparty zu gehen. Michael und ich waren schon aus soziologischen Gründen viel zu neugierig um abzulehnen. Ich landete daher mit zwei mir unbekannten Damen mal wieder in einem Taxi, die Herren ein paar Taxen hinter uns, und gondelte durch die New Yorker Nacht. Im Taxi gingen Partygeschichten über "the vomiting kid" hin und her, das die letzte Party gesprengt hatte. Gut, dachte ich, schlimmer als the vomiting kid kannst du dich auch nicht vorbeibenehmen, was mich irgendwie beruhigte. Das Taxi stoppte vor einem etwas heruntergekommenen Altbau. Wir stapften in den 4. Stock zum Penthouse, in dem wohlgekleidete Anfangzwanziger herumstanden, Wein tranken oder im Kamin Marshmallows rösteten. Flachbildfernseher, Bahamas, Long Island - wir fanden keinen Eingang in die Gespräche. So endeten einige Konversationsversuche mit verlegenem Schweigen auf beiden Seiten. Michael brachte es später auf den Punkt: "Ich habe mich irgendwie alt gefühlt." Wenigstens schien mein Rock so durchzugehen, denn keine der Ladies gab ein trompetendes "I LOVE your skirt!" von sich, was ein ganz schlechtes Zeichen gewesen wäre.

Tief in der Nacht kehrten wir in die Räuberhöhle auf der Wall Street zurück und zogen - unter den Decken der Miss Ecuador/New York - Bilanz: Blamiert hatten wir uns nicht, aber reingekommen waren wir auch nicht. Während wir dem 3. Advent entgegendämmerten, schwappte der Lärm der Wall Street an unsere Scheiben. Vor meinen Augen flimmerten bunte Flecken. An Schlaf war nicht zu denken - doch wer wollte auch schlafen in New York?

Sonntag, 2. Dezember 2007

Unterwegs mit Dada

"The next stop is Trenton. Trenton ist the next stop!" Die Blechstimme des Zugführers stach mir ins Ohr und ließ mich ich aus meiner Reiselektüre hochfahren (Kurt Schwitters: "Auguste Bolte. Ein Lebertran", 1923). Da war es also: Trenton. 85.000 Einwohner, Landeshauptstadt von New Jersey und somit auch Sitz der Social Security Administration, bei der ich vorstellig zu werden hatte, um eine Sozialversicherungsnummer zu beantragen.

Laut Google Maps sollte der Weg dorthin ganz einfach sein - immer die South Clinton Avenue herunter und dann gegenüber eines Einkaufszentrums rechts herein. Nur war mir nicht klar, welche der Schnellstraßen, die kreuz und quer am Bahnhof vorbeiführten, die South Clinton Avenue war. Wer Sorgen hat, braucht auch Likör. Verwirrt drehte ich mich zwischen dem Bahnhofsvorplatz und einer dröhnenden Baustelle im Kreis und sah zum Glück auf der anderen Platzseite eine dicke Polizistin vorbeiwatscheln. Ich sprach sie an: "Excuse me, Ma'am, where can I find the Social Security Administration, please?" Sie schnaufte unter dem Gewicht meiner Frage und biss sicherheitshalber in einen Doughnut, um sich für die Antwort zu stärken. Dann zuckte sie kauend die Achseln: "I dunno. Why don't you ask the gentleman over there?" Sie wies auf einen Passanten, der uns wiederum auf der anderen Platzseite entgegenkam, und setzte sich mühsam wieder in Bewegung.

Ich sauste zurück und stellte auch ihm meine Frage. Er deutete auf eine Brücke und murmelte etwas von "three blocks". Auf der Brücke stoppte ich einen Fahrradfahrer, der die eingeschlagene Richtung für völlig falsch hielt und mich zum Bahnhof zurückschickte, wo ich den Pförtner eines Bürohochhauses um Rat bitten sollte. Der Pförtner bog sich vor Lachen, als er hörte, dass ich zu Fuß unterwegs sei. "Hey Bob", schrie er einem Kollegen zu, "guess what: this young lady wants to go to the SSA and is WALKING!" Beide wollten sich ausschütten. Ob es denn zu weit zum Laufen sei, wollte ich wissen. "It's not far, dear, but it's not a pretty walk. Well, if you insist..." Anschließend rollte sich eine Wegbeschreibung vor mir ab, dass ich mit den Ohren wackelte. Zurück zur Brücke, an der dritten Ampel rechts in die Hamilton Avenue, dann noch einmal zwei Blocks, bei einem Friseurladen scharf links abbiegen, an der Tankstelle vorbei quer über einen Parkplatz usw. usw.

Auguste aber war kurz von Entschluß und ging schnell entschlossen den einen 5 nach. Auguste war aber auch gewissenhaft, gewissermaßen Charakter. Ja, sollten es auch wohl die andern 5 gewesen sein? Salzige Zweifel kochten in ihrem armen, gemarterten Schädel, etwa wie Sauerkohl. Es kam ihr so verdächtig vor, gerade 5. Sie ging noch ein paar Schritt, da kam ihr die Eingebung, es müssen die andern 5 gewesen sein. Aber was denn gewesen sein? Jedenfalls besann sie sich und kehrte, kurz von Entschluß wie sie war, kurzentschlossen um und ging den andern 5 nach. Fräulein Auguste sah es nämlich nicht ein, weshalb sie nicht ebensogut diesen 5 nachgehen sollte wie den einen 5. 5 ist 5, und 5 Menschen sind 5 Menschen, von individuellen Eigentümlichkeiten abgesehen, die aber in diesem Spezialfalle gewissermaßen gleichgültig waren. Also ging sie den andern 5 nach.

Ich dankte und kehrte zum zweiten Mal zur Brücke zurück, auf der mittlerweile die Polizistin - immer noch kauend, nun aber auch einen Kaffee in der Hand haltend - Position bezogen hatte. Sie war mitten in einem bärbeißigen Dialog mit einem Bauarbeiter und hielt mich an, als ich vorbeitrabte. "Are you still looking for the SSA place?" Ich nickte, und der Bauarbeiter platzte los: "I know where it is. It's not where it used to be, they moved it. The new one is..." Zweimal schärfte er mir alle Wegpunkte ein, ließ mich alles wiederholen und wünschte mir Glück.

Aber kein Mensch kann seinem Schicksal entgehen. Die Entfernung der beiden je 5 war allmählich so groß geworden, daß Auguste mit Aufbietung aller Schnelligkeit nur noch ein letztes Mal mit Aussicht auf Erfolg, die andern 5 zu treffen, den Weg um die Ecke wagen durfte. Einmal muß der Mensch sich endgültig entscheiden. Das ist Menschenlos. So traurig es an und für sich auch ist. Und so überwand Auguste ihre salzigen Bedenken, ob sie recht täte, den einen oder den andern 5 zu folgen, und entschloß sich, noch ein letztes Mal den Weg um die Ecke zu laufen, um die einen 5 zu erreichen.

Beflügelt von so viel Kompetenz und Freundlichkeit, verließ ich mit ganz neuen Koordinaten die vermaledeite Brücke und machte mich weisungsgemäß Richtung Innenstadt auf. Mein Zutrauen in den Bauarbeiter schrumpfte jedoch mit jedem Schritt, da keiner der beschriebenen Wegpunkte aufzufinden war. Schließlich fragte ich eine ältere Dame, ob ich noch auf der richtigen Fährte sei. "The SSA?" riss sie ungläublig die Augen auf, "Jesus, you're way off! It's at the other end of town!" Entmutigt fragte ich, wie weit es denn zu Fuß dorthin sei. "Oh, girl, don't walk. Go back to the station and take a cab. It's safer, too", riet sie mir noch mit einem vielsagenden Blick auf die Gegend und verschwand in einem Hauseingang. Da fiel mir wieder ein, was ich kürzlich über Trenton gelesen hatte: reicher Industriestandort in den 20ern ("Trenton makes, the world takes"), inzwischen jedoch sehr verarmt - und auf Platz vier der gefährlichsten amerikanischen Städte in der Klasse 75.000-100.000 Einwohner. Wie hatte James Madison 1787 noch gesagt? Trenton sei "a dismembered torso bleeding into Philadelphia and New York". Ich schluckte, fühlte mich in meiner leuchtend weißen Jacke plötzlich sehr unwohl und machte zu, dass ich zurück zum Bahnhof kam. Dort ließ ich mich auf die Rückbank eines Taxis fallen und sagte dem Fahrer, wohin ich wollte.

Wir rollten langsam vom Bahnhofvorplatz und bogen um einige Blocks. Der Fahrer schaltete sein Taxameter nicht ein. Unruhig begann ich, auf meinem Sitz hin und her zu rutschen und sah schon die Überschrift vor mir: "Taxifahrer entführt deutsche Studentin - Steinmeier: Lage aussichtslos - Freunde: Wir hielten sie nie für so naiv". Ich beugte mich vor und fragte: "Excuse me, why don't you switch the meter on?" Er brummte: "Guess I forgot. But we're there now anyways." Das Taxi kam auf einem Hinterhof zum Stehen, der aussah, als gehöre er zu einer Videothek. Ich beschloss, dass trotzdem alles besser sei als Taxifahren, drückte ihm die geforderten vier Dollar plus Trinkgeld in die Hand, sprang aus dem Taxi - und sah mich voller Verblüffung einer Glastür mit der Aufschrift "Social Security Administration" gegenüber.

Im ersten Stock der SSA wurde ich zur Begrüßung von einem Schild ermahnt, keine Waffen mit hereinzubringen (zählt Kurt Schwitters dazu oder nicht?), mein Handy auszuschalten (machte ich) und bloß kein Essen auszupacken (ignorierte ich). Sodann sollte ich eine Nummer ziehen und warten. Vor mir hing ein Portrait von George W. an der Wand. Mit blanken runden Äuglein lächelte er auf die Wartenden hernieder. Ob er von der Effizienz seiner Behörde oder von sich selbst so gerührt war, ging aus seinem Teddygesicht nicht hervor. Hinter meiner Stuhlreihe schritt ein bewaffneter Polizist mit Glatze und Zorro-Bärtchen auf und ab, der im Gegensatz zu George W. gar nicht lächelte.

Nummer 69 - mein Augenblick war gekommen. Ich trat vor das Glasfenster eines Schalters und legte dem Mann auf der anderen Seite mein Anliegen dar. Er besah sich meine Dokumente. Ein Zucken lief wie ein Kabelbrand von seinem linken Nasenflügel zum Auge. "You're not eligible for a social security number because of your visa status. I'll give you a denial letter. Then the university has to make the necessary arrangements to authorize you, and then you can come back and apply again", verkündete er. Ich verstand nicht. "But I'm here on an F1 student visa, I'm allowed to work 20 hours per week, and I'm employed by Princeton University." Er wiederholte: "You're not eligible for a social security number..." Dann wieder ich: "But I'm here on an F1 student visa..." Dann wieder er: "You're not eligible for a ..." Und ich: "But I'm here on an F1..." Und er...

Auguste fand auch die Straße wieder und ging in ein Haus. Parterre stand an der Tür: »Frau getrocknete Pflaumenerzeugerswitwe Alma Schulz.« Der Titel kam Auguste sehr verdächtig vor. Sie klingelte, und als eine Frau ihr öffnete, sagte sie: »Ist hier wohl vor etwa einer Stunde ein junges Mädchen hereingekommen, welches sich von 4 Genossen zuvor auf der Straße abgetrennt hatte?« Frau getrocknete Pflaumenerzeugerswitwe sagte, es wäre vielleicht gegenüber gewesen. Frl. Dr. Auguste klingelte nun gegenüber und fragte: »Ist hier wohl vor etwa einer Stunde ein junges Mädchen hereingekommen, welche sich kurz zuvor von 4 Genossen abgetrennt hatte?« Die betreffende Dame sagte: »Vielleicht gegenüber?« Frl. Dr. Auguste klingelte also wieder gegenüber bei der wirklichen geheimen Pflaumenerzeugerswitwe Alma Schulz und sagte zu der Dame, als diese ihr öffnete, die Dame von vis-à-vis hätte sie hierher gewiesen, und so nähme sie noch einmal Gelegenheit, zu fragen, ob hier vielleicht ein junges Mädchen vor einer Stunde hereingekommen wäre, indem dieses sich von vier Genossen zuvor abgetrennt gehabt hätte.

Wir waren beide gleichermaßen freundlich geblieben, ignorierten uns aber gegenseitig. Nach der fünften Wiederholung trat eine Pause ein. Wieder lief ein Zucken über seinen Wangenknochen. "You did well in refusing to listen to me. I just realized that you are here on an F1 student visa, and you're allowed to work 20 hours per week." Er füllte ein Formular aus, ließ es mich unterzeichnen und schloss mit den Worten: "We will mail the card with the social security number to you on Monday. Have a nice day."

Der Mensch ist ein Vieh, ja ein Viehlu sogar. Als ich den Schalter verließ, erwiderte ich George W.s wissendes Lächeln. Wer auf dem Weg zu einer amerikanischen Behörde dadaistische Texte liest, muss sich nicht wundern, wie dicht das Leben manchmal der Literatur auf den Versen ist.