Princeton, 24. Januar, minus acht Grad, blasser Mondschein. Die Frisur hält. Und wie die hält - muss sie auch, denn es ist "girls' night out", eine junge, aber ernstzunehmende Tradition der Frauen am German Department. Credo: Jede zieht sich so schick an, wie sie kann, und dann trifft man sich für eine Nacht des Jahres in einer Bar, um Cocktails zu trinken sowie das weibliche Geschlecht im Allgemeinen und sich im Besonderen zu feiern. Das Kleine Schwarze, mein Schirm und ich machen uns daher um kurz nach neun Uhr abends auf den Weg zum Parkplatz vor meinem Apartment, von dem wir abgeholt werden sollen. Übrigens ist "girls' night out" bzw. "boys' night out" eine durchaus gängige Sache. Barack Obama, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, war beispielsweise jahrelang ein Anhänger dieser Tradition, wie im jüngsten The New Yorker Magazine zu lesen steht. Einer seiner ehemaligen Kollegen berichtet: "You hung up your guns at the door. Nobody talked about their jobs or politics [...]. It was boys' night out - a release from our legislative responsibilities."
Doch während die Polit-Kumpanen ihre Gewehre an der Tür lassen, schauen die Ladies nach, ob ihre auch gut durchgeladen sind. Schließlich ist "girls' night out", und da muss gelästert werden. Um die frisch verlobte S. und um mich wird es ziemlich still. Zuerst läuft das Gespräch nicht recht an, denn keine kommt darüber hinweg, dass jetzt über Männer, Schuhe und Sex geredet werden muss. Weswegen alle betonen, wieviel Spaß es macht, endlich mal in Ruhe über Männer, Schuhe und Sex zu reden. Dann werden die Kleider beschaut. Auch ich soll aufstehen und mich mal drehen. Das Kleine Schwarze, vor einigen Wochen eigens für Michaels und meinen Opern-Besuch aus dem elterlichen Versendezentrum gefedext, erntet Wohlwollen. Auf dem Weg zur stillen Örtlichkeit fragt mich M: "Wow, how do you do this?" Ich denke: "Ich halte nun schon seit zwei Stunden die Luft an, und das ist nicht bequem!" Ich zucke die baren Schultern, weil man dabei nicht ausatmen muss. Gott sei Dank geht die Tür auf, ich kann ins Bad entschlüpfen - und ausatmen.
Als ich zurück bin, summt ein angeregtes Gespräch um den Tisch (das weder mit Schuhen noch mit Sex und nur ein ganz kleines bisschen mit Männern zu tun hat). Plötzlich macht es Spaß, noch eine Runde zu bestellen. Alle kommen in Fahrt, und es wird viel und dröhnend gelacht. Ehe ich mich versehe, ist es halb zwei. Für Das Kleine Schwarze und mich wird es Zeit, nach Hause zu gehen. Dort wird es wieder im Schrank sein Dasei fristen und der Dinge harren, die da kommen - zum Beispiel der nächsten "girls' night out".
Donnerstag, 31. Januar 2008
Larger than Murphy
Princeton, 14. Januar, minus sechs Grad, Eiswind. Die Frisur hält. Seit einer Woche bin ich zurück in der Stadt und habe mich noch nicht ganz wieder auf deutsch-amerikanischen Doktorandinnen-Alltag eingestellt. Dafür war Weihnachten einfach zu sehr Weihnachten - mit Zusammenkunft im Elternhaus, Zimtsternen ohne Zimt, stundenlangen Abendessen, Wiedersehen des Freundeskreises, einem kleinen obligaten Weihnachtskrach ("Wie, historische Wahrheit? Die gibt's doch gar nicht!"), zugehöriger Versöhnung, ebenso obligater Weihnachtserkältung und einem fettgedruckten Neujahrsvorsatz: mehr entspannen. Das klappt bis Mitte Januar ganz gut. Dann macht sich Michael auf nach Boston, um einen Schulfreund zu besuchen, und mein motivationales Kartenhaus bricht angesichts eines völligen off-days zusammen.
Der Tag fängt - streng nach Murphy - schon mit Kopfschmerzen an. Auf dem Campus fällt mir ein, dass ich einen nicht unwichtigen Auftrag für meinen Chef vergessen habe. Chef sei Dank sieht er's gelassener als ich. Dennoch: Mein Nervenkostüm bleibt etwas fadenscheinig. Um mich aufzuheitern, kaufe ich im feinsten Laden am Platz ein schickes und schon lange begehrtes Poster für mein Apartment. Da ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, wird es in eine Papprolle gesteckt und selbige wiederum in eine Tüte verfrachtet, die von meinem Lenker baumelt. Vorwitzig schaut die Papprolle oben aus der Tüte, und ich radle schon deutlich vergnügter nach Hause. Dann schlägt Murphy zu: Auf der Alexander Road versetze ich der Tüte versehentlich mit dem Knie einen Stoß. Die Poster-Rolle hüpft in einem eleganten Bogen aus der Tüte und kollert quer über die Straße. Hinter mir der Laster. Der Fahrer reagiert prompt und fängt an zu bremsen, noch bevor ich überhaupt hektisch losfuchteln kann. Ich will ihm gerade aus Dankbarkeit eine Kusshand zuwerfen, weil er das Poster so rücksichtsvoll umfährt - da rollt es von sich aus noch mal einen halben Meter zur Seite, und der Laster erlegt es mit dem linken Hinterrad. Ploff. Platt ist gar kein Ausdruck.
Zuhause packe ich die malträtierte Rolle erst einmal aufs Bett, um den Totalschaden später in Augenschein zu nehmen, so schief hängt mir vor Hunger der Magen. Außerdem setze ich darauf, dass die Welt nach einem warmen Essen gar nicht anders kann als freundlicher ausschauen. Von der Dringlichkeit beschleunigt, saust mein neues Santoku-Messer ganz besonders ambitioniert durch die Zwiebel, um voll in meinem linken Daumen zu landen. Enough is enough. Manche Dinge sind selbst mit Murphy nicht mehr erklärbar. Ich trete so kräftig gegen die Schranktür, dass mir nicht mehr der blutende Finger, sondern der große Zeh weh tut. Die Schranktür hat jetzt eine Macke. Sagt selbst - sind wir nicht alle ein bisschen Schranktür?!
Der Tag fängt - streng nach Murphy - schon mit Kopfschmerzen an. Auf dem Campus fällt mir ein, dass ich einen nicht unwichtigen Auftrag für meinen Chef vergessen habe. Chef sei Dank sieht er's gelassener als ich. Dennoch: Mein Nervenkostüm bleibt etwas fadenscheinig. Um mich aufzuheitern, kaufe ich im feinsten Laden am Platz ein schickes und schon lange begehrtes Poster für mein Apartment. Da ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, wird es in eine Papprolle gesteckt und selbige wiederum in eine Tüte verfrachtet, die von meinem Lenker baumelt. Vorwitzig schaut die Papprolle oben aus der Tüte, und ich radle schon deutlich vergnügter nach Hause. Dann schlägt Murphy zu: Auf der Alexander Road versetze ich der Tüte versehentlich mit dem Knie einen Stoß. Die Poster-Rolle hüpft in einem eleganten Bogen aus der Tüte und kollert quer über die Straße. Hinter mir der Laster. Der Fahrer reagiert prompt und fängt an zu bremsen, noch bevor ich überhaupt hektisch losfuchteln kann. Ich will ihm gerade aus Dankbarkeit eine Kusshand zuwerfen, weil er das Poster so rücksichtsvoll umfährt - da rollt es von sich aus noch mal einen halben Meter zur Seite, und der Laster erlegt es mit dem linken Hinterrad. Ploff. Platt ist gar kein Ausdruck.
Zuhause packe ich die malträtierte Rolle erst einmal aufs Bett, um den Totalschaden später in Augenschein zu nehmen, so schief hängt mir vor Hunger der Magen. Außerdem setze ich darauf, dass die Welt nach einem warmen Essen gar nicht anders kann als freundlicher ausschauen. Von der Dringlichkeit beschleunigt, saust mein neues Santoku-Messer ganz besonders ambitioniert durch die Zwiebel, um voll in meinem linken Daumen zu landen. Enough is enough. Manche Dinge sind selbst mit Murphy nicht mehr erklärbar. Ich trete so kräftig gegen die Schranktür, dass mir nicht mehr der blutende Finger, sondern der große Zeh weh tut. Die Schranktür hat jetzt eine Macke. Sagt selbst - sind wir nicht alle ein bisschen Schranktür?!
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