Freitag, 15. Februar 2008

Fern-Ost-Küste

Die Sache mit der Schranktür hatte mir zu denken gegeben: Vielleicht sollte ich das neue Jahr wirklich nutzen, um wieder ein wenig waagegerechter und ausgeglichener zu werden? Schließlich soll man sein Sternzeichen nicht verneinen (und keine wehrlosen Schranktüren kaputtmachen). Da kam mir das Hochschulsport-Programm gerade recht, das ein guter Geist in mein Postfach am Department gesteckt hatte. Ich unterdrückte den Impuls, mich für Shotokan Karate, Jeet Kun Doo – von Bruce Lee d. Gr. entwickelt! – oder Kickboxen einzuschreiben. Besonders im Hinblick auf künftige Interaktionen wäre das der Schranktür gegenüber nicht fair gewesen. Selbst die Tennis-Seite überblätterte ich schweren Herzens und wollte mich gerade seufzend zum Yoga anmelden, als mir die Überschrift „Thai Chi“ ins Auge sprang. Die Rettung! Denn Thai Chi ist „best of both“: eine Bewegungsmeditation, die zugleich aber auch Kampfsport ist, sodass man auf der nächsten Party immer noch ganz beiläufig einfließen lassen kann „Jaja, ich mache übrigens Kampfsport...“ Und sagt selbst, klingt das nicht tausendmal besser als Yoga-Geschichten? Da kann man ja gleich vom Langlauf erzählen!

Ach ja, entspannen wollte ich mich natürlich auch. So fieberte ich also meiner ersten Stunde entgegen – und war auch hinreichend unentspannt, als sie am vergangenen Mittwochabend endlich nahte. Mittwochs haben wir nämlich drei Stunden Seminar, eine halbe Stunde Pause, weitere drei Stunden Seminar, und wenn es für die Woche noch viel zu lesen gibt, setzen Michael und ich uns im Anschluss meistens noch für zwei Stündchen in die Bibliothek. Ich schiebe es mal auf Foucault, dass ich dort die Zeit vergaß. Jedenfalls war der Zeiger der Wanduhr schon bedenklich dicht an acht Uhr herangerückt, als ich wie angestochen aus meinem Stuhl hochschoss und rief „Heavens, I’m late!“ Michael kommentierte das grinsend mit „Somehow I’m not surprised“ (er macht übrigens Yoga!). Ich sprintete zur Sporthalle, zog mich in Windeseile um und begann, den „Multipurpose Room“ zu suchen. Nachdem ich ein Basketballspiel und ein Badminton-Match durch planloses Zickzacklaufen erfolgreich gesprengt hatte, wies mir ein freundlicher Mensch den Weg. Mit hochrotem Kopf drückte ich die Tür auf – und blieb verdutzt stehen: Vor einem großen Ballett-Spiegel saßen zwei Reihen Männer und eine ältere Dame im Yogi-Sitz und hielten die Augen geschlossen. Einer trug eine Art Kimono, weswegen ich ihn als Master Wonchull identifizierte, unseren Kursleiter. Gesetzt den Fall, ich war im richtigen Kurs.

Da niemand hochschaute, trat ich etwas unschlüssig ein und ließ die Tür los. Sie schwang mit einem langgezogenen Quietschen zurück krachte ins Schloss. Es schaute immer noch niemand hoch. Ich entschied, im richtigen Kurs zu sein und setzte mich ebenfalls auf den Boden. Nachdem ich mich in eine Mischung aus Schneider- und Yogi-Sitz gewurschtelt hatte und gerade ganz entspannt die Augen schließen wollte, fiel mein Blick auf die Innenseite meines rechten Hosenbeins (Knöchelhöhe), wo ein riesiger Schmutzfleck starrte, der wohl noch von der letzten Jogging-Aktion im Freien herrühren musste. Peinlich! Und dann auch noch an so prominenter Yogi-Sitz-Stelle! Verstohlen schob ich meine ineinandergelegten Hände darüber und machte ganz schnell die Augen zu.

Die Tür quietschte wieder. Ein leises Trab-trab-trab war zu hören, dann fiel die Tür mit dem bereits vertrauten Rumsen ins Schloss. Sieh an, dachte ich, noch so ein Zuspätkommer! Ich klappte ein Auge auf, um mal kurz zu lugen, ob ich den vielleicht kannte. Man kennt sich hier ja meistens. Nein, den Herrn asiatischer Abstammung im geschmacklos käsegelben T-Shirt hatte ich noch nie gesehen. Interessant, dachte ich, wie viele Asiaten wohl einen fernöstlichen Kurs belegen? Ob sie dafür eine natürliche Begabung haben? Wofür hätten Deutsche dann eine besondere Begabung? Doch hoffentlich nicht für Langlauf! Ich klappte das andere Auge auf, um mal kurz durchzuzählen. Nachdem ich gerade die erste Reihe durchgezählt hatte, traf mich im Spiegel der spöttische Blick des Meisters. Ich machte die Augen blitzartig wieder zu. Ob er vielleicht auch Gedankenlesen...?

Mein Fuß schlief ein, und so war ich dankbar, dass der Meister sich erhob und das Ende der Meditation signalisierte. Er begrüßte uns, ging langsam vor uns auf und ab und erklärte uns die Grundlagen von Thai Chi. Irgendetwas an ihm ließ mich stutzen. Es war nicht die Größe von 1,60 Meter und auch nicht das Gewicht von vermutlich etwas unter 45 Kilo. Nein, es war die Bewegung – es war...es war...die Augsburger Puppenkiste! Er sah nämlich aus wie eine Marionette, die man am höchsten Punkt des Kopfes, in direkter Verlängerung der Nackenlinie, an einen Faden gehängt hat und so merkwürdig graziöse Hopser vollführen lässt. In diesem Moment sagte der Meister: „Thai chi is all about making use of gravity in order to be able to relax. I want you to imagine you were a marionette dangling from a thin string...“ Jesus, er KANN Gedankenlesen!

Eine Stunde lang übten wir, uns mit der Erdanziehung in Einklang zu bringen und eine „form“, einen harmonischen Bewegungsablauf, zu verinnerlichen. Als wir erst einmal die „form“ praktizierten, war meine Skepsis verschwunden. Meine Glieder kribbelten wohlig-warm, fühlten sich aber trotzdem ungeahnt leicht an. Ich war ganz enttäuscht, als die Zeit um war und Wonchull zur letzten Übung aufrief. Zu Demonstrationszwecken suchte er einen „Freiwilligen“ aus. Er ließ den bulligsten Mann im Saal, einen jungen Profi-Ringer, vortreten und forderte ihn auf, „Armdrücken“ gegen ihn zu probieren – allerdings ohne die Ellenbogen irgendwo aufzulegen. Stattdessen traten Wonchull und der Ringer voreinander, winkelten die Arme an und kreuzten die Handgelenke in der Luft. „I want to show you how efficient and powerful your moves can get once you work with gravity and not against it“, sagte Wonchull. Dann bat er den Ringer, sich mit aller Kraft gegen seinen Arm zu stemmen. Der Ringer sog hörbar Luft ein, dehnte sich um einen guten Zentimeter aus und begann zu drücken. Wonchull lächelte. Der Ringer wurde rot. Wonchull lächelte immer noch. Der Ringer wurde violett. Als der Blauanteil in seiner Gesichtsfarbe zu überwiegen drohte, machte Wonchull dem Kräftemessen ein Ende und drückte den Arm des Ringers zur Seite. Er verbeugte sich lächelnd. Why, it’s martial arts, after all!