Samstag, 29. März 2008

We'll remember you

Man muss schon sehr genau hinschauen, um den Eingang zum New Yorker Kellerclub "Small's" nicht zu verpassen, denn der Name ist Programm: eine schmale Rundbogentür, in rotes Backsteingemäuer eingelassen, darüber eine schlichte braune Markise - das ist schon alles. Und das ist nicht viel, wenn man im quirligen "Village" von New York, der einstigen Bohème, auffallen will. Die Bohème ist zwar mittlerweile zahm (und der Lack größtenteils wieder dran), doch in den Bars und Kneipen jazzt sich die Musikszene immer noch durch die Nacht, sodass die Konkurrenz nie weiter als einen Block entfernt liegt.

"Small's" braucht allerdings weder die Konkurrenz zu fürchten noch besonders aufzufallen, denn der Club ist auch ohne Grelligkeit und Pomp als gute Adresse für Live-Jazz bekannt. Sieben Tage in der Woche wird hier gespielt, manchmal acht Stunden und länger. Als Michael und ich an einem späten Sonntagabend dort ankommen, ist die erste Band gerade mit ihrem Auftritt fertig, und die Folgeband - ein Trio um den Pianisten Spike Wilner - macht sich bereit. Während wir noch überlegen, ob wir hineingehen oder lieber weiterziehen wollen, tritt eine schwarze Lady aus dem Rundbogen ins Freie und posaunt in unsere unentschlossenen Gesichter: "This place is historical!" Sie schüttelt den Kopf und betont noch einmal: "Man, it really is." Damit schiebt sie sich an uns vorbei und entschwindet im Wiegeschritt in die Nacht.

Historical? Naja, krittelt der Geschichtssnob in mir los, den Laden gibt es doch erst seit 1993, gerade mal 15 Jahre... Aber, das muss ich bei aller Old-Europe-Arroganz zugeben, er hat zweifelsohne eine interessante Geschichte: Von einem Jazz-Impressario, einer Krankenschwester und dem Sohn eines Galeriebesitzers gegründet, traf sich hier Anfang der 90er das halbe Viertel. Da "Small's" zuerst keine Lizenz zum Alkoholausschank hatte, gab es keine Altersgrenze - und zwischen den Studenten, den Freischaffenden, den Privatiers und den Musikprofis saß der ein oder andere Großvater und hatte sich einen Enkel zur Jazz-Matinée zwischen die Knie geklemmt.

Nach dem 11. September blieben Gäste und Geld erst einmal aus, und der Club musste schließen. Doch dem Viertel war er so ans Herz gewachsen, dass einer der alten Besitzer mit zwei neuen Partnern in die Bresche sprang und einen Folgeversuch wagte. Das Konzept wurde geändert und "bring your own booze" durch eine Schanklizenz ersetzt. Seitdem krabbeln zwar keine Kinder mehr zwischen den Beinen des Flügels hindurch, doch dafür hat das Viertel seinen Treffpunkt zurück und kann tags wieder über die Jazz-Marathon-Sessions reden, mit denen sich der Club nachts einen Namen macht.

Durch die schwarze Lady neugierig geworden, steigen Michael und ich die enge Treppe hinunter und kaufen beim Club-Faktotum Mitch unsere Eintritts-Chips. Die Einrichtung des Clubs erinnert an den Partykeller meines Schulkameraden Benni W., in dem wir in den 90ern unsere Klassenparties feierten: ein Sammelsurium ausrangierter Stühle und Hocker, wackelige Tischchen, der Betonboden durch mehrere Lagen zu kleiner Teppiche bedeckt, Fotos und Flohmarkt-Spiegel an den Wänden. Die Bar hier ist allerdings professioneller als seinerzeit bei Benni W., und statt "Mixery" halte ich ein Brooklyn Lager in den Händen ("pre-Prohibition beer!"). Michael erspäht zwei freie Plätze auf einem Bänkchen genau hinter dem Pianisten. Wir quetschen uns auf das Bänkchen, die Show beginnt.

Zuerst kommt es mir so vor, als müssten Pianist, Kontrabassist und Schlagzeuger erst miteinander warm werden, und ich lasse mich von meiner Neugierde aufs Publikum ablenken. Viele Pärchen um Mitte vierzig bis Mitte fünfiz sind da sowie jede Menge Studenten. Das Paar schräg hinter uns - sie: Stupsnase, Dauerwelle, Lachfalten; er: Wohlstandsbäuchlein, Glatze - hätte sich auch gleich "frisch verliebt" auf die Stirn schreiben können, denn sie turteln, dass ich ein Grinsen nicht unterdrücken kann. Sie fängt meinen Blick auf und bittet mich prompt, ein Foto mit ihrer Digitalkamera von den beiden zu machen, das anschließend bejubelt wird. Der teigige Typ auf dem Stuhl rechts neben mir sieht weniger glücklich aus. Obwohl er seinem geschmeidigen Begleiter Bier um Bier ausgibt, verschwindet der nach einer Stunde und lässt seinen Sponsor in Kummer zurück.

Das Trio intoniert neben eigenen Sachen auch Klassiker, und einige der Duke-Ellington-Nummern sind umwerfend. Mitten im ersten Block wird die Band von einem weiteren Musikus unterbrochen, der sich plötzlich erhebt, durchs Publikum nach vorne schiebt und auf der Bar einen abgewetzten Trompetenkoffer aufklappt. Mit Baseballkappe, Stoppelbart, verschlafenem Blick, speckigen Jeans und Trainigsjacke aus Ballonseide erinnert er mich stark an jene speziellen Männerexemplare, denen man sonntagsmorgens mit Vorliebe bei mittelhessischen Bäckern begegnen konnte. Er wird angekündigt als einer der besten Jazz-Trompeter New Yorks und fingert unkoordiniert an seinem Instrument herum, das sich nicht recht zusammenbauen lassen will.

Nach einem letzten Schluck aus dem Glas (sieht von hier aus wie Whiskey) schlurft er auf die "Bühne" - und legt ein Solo hin, dass ein Raunen durch den Club geht. Seine Finger verschwimmen, so schnell bewegt er sie, und das wilde Kreischen der Trompete gellt in meinen Ohren. Dann wechselt er abrupt den Klang und lässt die weichen, langen Töne einer traurigen Melodie durch den Raum fließen. Die Pärchen rücken näher zusammen, Spike nimmt sich am Flügel zurück, und selbst der dröge Kontrabassist umfasst seinen Bass fester und legt seine Wange ganz zärtlich an den Hals des Instruments. Ich lehne meinen Kopf gegen Michaels Schulter, schließe die Augen und lasse mich treiben...

Als ich die Augen wieder öffne, macht die Band gerade Pause. Michael strahlt mich an und prustet los: "Ich glaub's einfach nicht, dass du eingeschlafen bist - und das keinen halben Meter hinter dem Pianisten!" Leugnen ist zwecklos. Wahrscheinlich haben's alle gesehen und sich königlich amüsiert. Ich murmele etwas von genetischen Einflüssen (schließlich bin ich nicht die einzige in meiner Familie, die mal in Reihe 1 vor einer Jazz-Band selig schlummerte!). Das Club-Motto klingt in diesem Kontext unfreiwillig komisch: "You can stay all night, and you can come and go as you like, we'll remember you." Genau das fürchte ich auch...!

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