Die Tugenden der Welt sind nicht gerecht verteilt. Pünktlichkeit zum Beispiel ist ja außerhalb Preußens völlig unterschätzt. So konnten sich die Studentinnen und Studenten meines Kurses "Deutsch für Anfänger" nicht für den Gedanken erwärmen, tatsächlich jeden Morgen um Schlag neun Uhr mit gezücktem Griffel im Seminarraum zu sitzen. Stattdessen kamen sie in einem Zeitfenster zwischen 9:00 und 9:06 Uhr. Die meisten machten dabei immerhin professionell-schuldbewusste Mienen. Seit ich auf der anderen Seite des Zauns stehe, weiß ich, dass man so nicht unterrichten kann - also musste eine Regel her: Wer zu spät kommt, sagte ich meinen Studenten am letzten Freitag ergrimmt und polierte dazu in Gedanken meine Pickelhaube, muss vier Zeilen eines deutschen Gedichts vortragen. Auswendig. Das, so dachte ich, sollte sie abschrecken. Schließlich lernen wir erst seit sieben Wochen gemeinsam Deutsch, und kaum einem gehen die Wörter leicht von der Zunge.
Montag, 8:59 Uhr. Der Seminarraum ist voll. Einige grinsen stolz, andere schnappen nach Luft vom Schluss-Sprint über den Campus. Wir legen los. Um 9:03 Uhr stürzt eine meiner fleißigsten Studentinnen, eine junge Chinesin, kreidebleich ins Klassenzimmer. Pädagogisch fatal, dass meine neue Strenge nun ausgerechnet sie als erste trifft! Denn sie kommt sonst nie zu spät, sie ist immer emsig, immer aufmerksam und zu allem Überfluss ein bisschen scheu, was das Sprechen angeht. Ich überlege hin und her. Soll, kann, darf ich ihr das antun? - Ach was, gleiches Unrecht für alle, das wird jetzt durchgezogen. Ich nehme sie nach dem Kurs beiseite und bitte sie, in der nächsten Stunde zum Start eine Gedicht-Strophe aufzusagen. Sie nickt stumm und verschwindet.
Dienstag, 9:00 Uhr. Alle blicken gespannt auf die junge Chinesin. Zu meinem Erstaunen steht sie auf und geht schnurstracks zur Tafel. "Ich erkläre ein paar Wörter", sagt sie laut und deutlich. "der Mond", "der Frost", "glimmen"... Dann holt sie Luft und trägt in einem Zug vor. Applaus. Ich bekomme den Mund nicht mehr zu und kann sie nur noch fragen: "Wo haben Sie das Gedicht denn her?" Ihre Antwort: "Ich habe es aus dem Chinesischen übersetzt. Meine Mutter hat es immer für mich gesagt, als ich klein war." Preußen schön und gut: Wer den Kindern der Globalisierung etwas beibiegen will, muss früher aufstehen.
Mittwoch, 12. November 2008
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