Montag, 22. Juni 2009

Führerschein-Theorie à la New Jersey oder Wie man legal einen Lastwagen mit gefrorenen Nachspeisen umfährt

Dass man seinen Führerschein macht, bevor man eine lange Wanderung beginnt, klingt ja so erst einmal nicht logisch. Schließlich wollen wir zu Fuß gehen, wenn wir Ende Juli unsere fast dreiwöchige Tour durch die Catskills und das Hudson River Valley beginnen. Aber um dorthin zu kommen, wo die Wanderpfade beginnen, müssen wir ein ganzes Stück fahren - und damit des Autofahrens Last und Lust nicht allein Michael zufallen, habe ich mich endlich zur schon lange geplanten amerikanischen Führerscheinprüfung entschlossen.

Ich weiß, ich weiß, da gehen bei der deutschen Autofahrgemeinde sofort die Emotionen hoch: Ist ja lächerlich, dass man hier noch einmal zur Prüfung muss - wo die meisten Amerikaner doch noch nicht einmal von Hand schalten können! Hilft aber alles nichts. Nach 60 Tagen ab Zuzugsdatum werden ausländische Führerscheine in New Jersey schlichtweg ungütlig (meiner ist demnach Mitte November 2006 abgelaufen). Also: ran.

Wenn ich Glück habe, entscheidet der zuständige Sachbearbeiter am Donnerstag, dass ich wenigstens meine praktischen Fähigkeiten nicht vorzuführen brauche. Und für den ganzen Rest gibt es Gott sei Dank das New Jersey Driver Manual, das einen auf alle Lebenslagen vorbereitet. Alle.

Zum Beispiel die folgende: "Stopping for a Frozen Dessert Truck" (S. 40). Ich übersetze das kurz im Wortlaut: Wenn Sie sich aus der Fahrt- oder Gegenrichtung einem Lastwagen mit gefroreren Nachspeisen - wie etwa einem Eiswagen - nähern oder ihn passieren wollen und dieser Lastwagen ein rotes Warnsignal abgibt und/oder der Fahrer mit dem Arm das Stop-Zeichen signalisiert, müssen Sie jedweder Person den Vortritt gewähren, die die Straße überquert, um zu dem Lastwagen zu gelangen oder sich von ihm zu entfernen. Umfahren Sie den Lastwagen mit einer Geschwindigkeit von nicht mehr als 15 mph. Auf einer geteilten Schnellstraße ist es nicht nötig, dass Sie anhalten, sofern die Schnellstraße durch einen erhöhten Mittelstreifen oder eine Verkehrsinsel geteilt ist und sich der Lastwagen auf der Gegenfahrbahn befindet.

Merke: Eis-Esser haben Vorfahrt - wer dagegen verstößt, handelt sich vier Punkte ein. Ich glaube, der Sommer kann jetzt wirklich kommen.

Sonntag, 5. April 2009

Ohren-Sause

Echte Lindt-Goldhasen - mit Halsband und Glöckchen! Ich bin im Osterkaufrausch und lasse gleich vier Stück in meinen Korb hoppeln; dankbar, dass es hier im Weltdorf Princeton eine Dépendance der schweizerischen Schokoladen-Manufaktur gibt. Am kommenden Sonntag wollen wir Ostern mit einem befreundeten Pärchen feiern, und auf dem Frühstückstisch dürfen die Goldgefährten dabei ebenso wenig fehlen wie unsere leicht pikiert guckenden Filz-Eierwärmer in andeutungsweise hasiger Gestalt.

An der Kasse bekomme ich erst einmal eine Eierbombe aus Schokolade umsonst. Während ich mich durch den unerwartet fülligen Amaretto-Karamell-Klumpen beiße, weist mich die freundliche Dame daraufhin, dass ich für mehr als zehn Dollar eingekauft habe, und fragt: "Wollen Sie ein Paar Hasenohren? Die gibt's bei Einkäufen ab zehn Dollar gratis dazu." Offenbar funktioniert mein konsumistischer Schluck-Reflex ausgezeichnet, denn ich höre mich "Och, gern" sagen.

Vor dem Laden merke ich bei einem Blick in die Tüte, dass ich nun tatsächlich Besitzerin eines Paares Hasenohren bin (vgl. Beweisfoto oben rechts). Aus Plüsch, made in China, abwaschbar mit einem feuchten Lappen. So richtig sehe ich mich das zu Ostern ja noch nicht tragen. Aber, an alle Bridget-Jones-Leserinnen, zur nächsten Flittchen-und-Pfarrer-Party hätte ich da jetzt was!

Mittwoch, 18. März 2009

Wechselbäder

Vielleicht ist es eine typische Geschichte, typisch für die Finanzkrise à la New York: M. ist Mitte zwanzig und arbeitet seit drei Jahren für eine große Investment-Bank. Wohnung auf der Wall Street, 14-Stunden-Tage, fünfstelliges Gehalt und Boni, hochtourige Wochenenden. Der Typ Mann, den die Barkeeper mit Handschlag begrüßen, der Freunde "contacts" nennt, gern Runden gibt und manchmal im Frage-und-Antwort-Stil spricht. Als wir ihn am Samstag in Tribeca zum Abendessen treffen, reicht er die Weinkarte an Michael und mich weiter - und bestellt einen Grüntee.

M. rührt keinen Alkohol mehr an, schon seit über einem Monat nicht. "Ich hatte ein ziemliches Problem entwickelt", erzählt er uns. Zeitgleich mit der Finanzkrise protestierte dann auch sein Körper gegen dauernde Überhitzung und gab ihm einen deutlichen Warnschuss. Nun hat M. sein Leben heruntergekühlt. Seinen Job hat er noch - aber für mehr als 30 Wochenstunden gibt es im Moment nichts zu tun. Er macht jetzt regelmäßig Sport, schläft zu zivilen Zeiten und hat ein strafferes, wacheres Gesicht.

Die Kehre ist total und verblüffend. So ganz können weder Michael noch ich der neuen Ruhe trauen. Und tatsächlich: "Eigentlich mache ich nicht einfach so Sport, sondern trainiere jetzt für einen New Yorker Triathlon," rückt M. heraus. Den möchte er noch unbedingt vor dem Sommer bestreiten. Danach könnte es auch eng werden, M. will nämlich schon bald nach dem Sommer auf die andere Seite des Kontinents ziehen: Ein großer Immobilienmakler aus Los Angeles hat Interesse an ihm signalisiert...

Schwer zu sagen, was die Krise hier letztlich verändert hat - oder noch verändern wird (im Großen wie im Kleinen). Das Restaurant in Tribeca jedenfalls brummt, als sei der Dow nie eingebrochen, als gäbe es keine Überschuldung und keine Massenentlassungen. Vielleicht auch, als gäbe es kein Morgen? Darauf will sich M. nicht einlassen: "Ich glaube nicht, dass die Leute hier ihre Augen vor der Realität verschließen und deswegen so weitermachen wie vorher. Nein, sie machen weiter, weil sie gar nicht anders können - die New Yorker sind einfach so." Schon einmal sei gerade Tribeca arg gebeutelt worden, damals, im Nachgang von 9/11, fügt M. hinzu. Damals hätten es die New Yorker auch geschafft. Und: "Was hilft's? Wir werden uns eben wieder einmal neu erfinden müssen."