Vielleicht ist es eine typische Geschichte, typisch für die Finanzkrise à la New York: M. ist Mitte zwanzig und arbeitet seit drei Jahren für eine große Investment-Bank. Wohnung auf der Wall Street, 14-Stunden-Tage, fünfstelliges Gehalt und Boni, hochtourige Wochenenden. Der Typ Mann, den die Barkeeper mit Handschlag begrüßen, der Freunde "contacts" nennt, gern Runden gibt und manchmal im Frage-und-Antwort-Stil spricht. Als wir ihn am Samstag in Tribeca zum Abendessen treffen, reicht er die Weinkarte an Michael und mich weiter - und bestellt einen Grüntee.
M. rührt keinen Alkohol mehr an, schon seit über einem Monat nicht. "Ich hatte ein ziemliches Problem entwickelt", erzählt er uns. Zeitgleich mit der Finanzkrise protestierte dann auch sein Körper gegen dauernde Überhitzung und gab ihm einen deutlichen Warnschuss. Nun hat M. sein Leben heruntergekühlt. Seinen Job hat er noch - aber für mehr als 30 Wochenstunden gibt es im Moment nichts zu tun. Er macht jetzt regelmäßig Sport, schläft zu zivilen Zeiten und hat ein strafferes, wacheres Gesicht.
Die Kehre ist total und verblüffend. So ganz können weder Michael noch ich der neuen Ruhe trauen. Und tatsächlich: "Eigentlich mache ich nicht einfach so Sport, sondern trainiere jetzt für einen New Yorker Triathlon," rückt M. heraus. Den möchte er noch unbedingt vor dem Sommer bestreiten. Danach könnte es auch eng werden, M. will nämlich schon bald nach dem Sommer auf die andere Seite des Kontinents ziehen: Ein großer Immobilienmakler aus Los Angeles hat Interesse an ihm signalisiert...
Schwer zu sagen, was die Krise hier letztlich verändert hat - oder noch verändern wird (im Großen wie im Kleinen). Das Restaurant in Tribeca jedenfalls brummt, als sei der Dow nie eingebrochen, als gäbe es keine Überschuldung und keine Massenentlassungen. Vielleicht auch, als gäbe es kein Morgen? Darauf will sich M. nicht einlassen: "Ich glaube nicht, dass die Leute hier ihre Augen vor der Realität verschließen und deswegen so weitermachen wie vorher. Nein, sie machen weiter, weil sie gar nicht anders können - die New Yorker sind einfach so." Schon einmal sei gerade Tribeca arg gebeutelt worden, damals, im Nachgang von 9/11, fügt M. hinzu. Damals hätten es die New Yorker auch geschafft. Und: "Was hilft's? Wir werden uns eben wieder einmal neu erfinden müssen."
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