Dass man seinen Führerschein macht, bevor man eine lange Wanderung beginnt, klingt ja so erst einmal nicht logisch. Schließlich wollen wir zu Fuß gehen, wenn wir Ende Juli unsere fast dreiwöchige Tour durch die Catskills und das Hudson River Valley beginnen. Aber um dorthin zu kommen, wo die Wanderpfade beginnen, müssen wir ein ganzes Stück fahren - und damit des Autofahrens Last und Lust nicht allein Michael zufallen, habe ich mich endlich zur schon lange geplanten amerikanischen Führerscheinprüfung entschlossen.
Ich weiß, ich weiß, da gehen bei der deutschen Autofahrgemeinde sofort die Emotionen hoch: Ist ja lächerlich, dass man hier noch einmal zur Prüfung muss - wo die meisten Amerikaner doch noch nicht einmal von Hand schalten können! Hilft aber alles nichts. Nach 60 Tagen ab Zuzugsdatum werden ausländische Führerscheine in New Jersey schlichtweg ungütlig (meiner ist demnach Mitte November 2006 abgelaufen). Also: ran.
Wenn ich Glück habe, entscheidet der zuständige Sachbearbeiter am Donnerstag, dass ich wenigstens meine praktischen Fähigkeiten nicht vorzuführen brauche. Und für den ganzen Rest gibt es Gott sei Dank das New Jersey Driver Manual, das einen auf alle Lebenslagen vorbereitet. Alle.
Zum Beispiel die folgende: "Stopping for a Frozen Dessert Truck" (S. 40). Ich übersetze das kurz im Wortlaut: Wenn Sie sich aus der Fahrt- oder Gegenrichtung einem Lastwagen mit gefroreren Nachspeisen - wie etwa einem Eiswagen - nähern oder ihn passieren wollen und dieser Lastwagen ein rotes Warnsignal abgibt und/oder der Fahrer mit dem Arm das Stop-Zeichen signalisiert, müssen Sie jedweder Person den Vortritt gewähren, die die Straße überquert, um zu dem Lastwagen zu gelangen oder sich von ihm zu entfernen. Umfahren Sie den Lastwagen mit einer Geschwindigkeit von nicht mehr als 15 mph. Auf einer geteilten Schnellstraße ist es nicht nötig, dass Sie anhalten, sofern die Schnellstraße durch einen erhöhten Mittelstreifen oder eine Verkehrsinsel geteilt ist und sich der Lastwagen auf der Gegenfahrbahn befindet.
Merke: Eis-Esser haben Vorfahrt - wer dagegen verstößt, handelt sich vier Punkte ein. Ich glaube, der Sommer kann jetzt wirklich kommen.
Montag, 22. Juni 2009
Führerschein-Theorie à la New Jersey oder Wie man legal einen Lastwagen mit gefrorenen Nachspeisen umfährt
Sonntag, 5. April 2009
Ohren-Sause
Echte Lindt-Goldhasen - mit Halsband und Glöckchen! Ich bin im Osterkaufrausch und lasse gleich vier Stück in meinen Korb hoppeln; dankbar, dass es hier im Weltdorf Princeton eine Dépendance der schweizerischen Schokoladen-Manufaktur gibt. Am kommenden Sonntag wollen wir Ostern mit einem befreundeten Pärchen feiern, und auf dem Frühstückstisch dürfen die Goldgefährten dabei ebenso wenig fehlen wie unsere leicht pikiert guckenden Filz-Eierwärmer in andeutungsweise hasiger Gestalt.
An der Kasse bekomme ich erst einmal eine Eierbombe aus Schokolade umsonst. Während ich mich durch den unerwartet fülligen Amaretto-Karamell-Klumpen beiße, weist mich die freundliche Dame daraufhin, dass ich für mehr als zehn Dollar eingekauft habe, und fragt: "Wollen Sie ein Paar Hasenohren? Die gibt's bei Einkäufen ab zehn Dollar gratis dazu." Offenbar funktioniert mein konsumistischer Schluck-Reflex ausgezeichnet, denn ich höre mich "Och, gern" sagen.
Vor dem Laden merke ich bei einem Blick in die Tüte, dass ich nun tatsächlich Besitzerin eines Paares Hasenohren bin (vgl. Beweisfoto oben rechts). Aus Plüsch, made in China, abwaschbar mit einem feuchten Lappen. So richtig sehe ich mich das zu Ostern ja noch nicht tragen. Aber, an alle Bridget-Jones-Leserinnen, zur nächsten Flittchen-und-Pfarrer-Party hätte ich da jetzt was!
An der Kasse bekomme ich erst einmal eine Eierbombe aus Schokolade umsonst. Während ich mich durch den unerwartet fülligen Amaretto-Karamell-Klumpen beiße, weist mich die freundliche Dame daraufhin, dass ich für mehr als zehn Dollar eingekauft habe, und fragt: "Wollen Sie ein Paar Hasenohren? Die gibt's bei Einkäufen ab zehn Dollar gratis dazu." Offenbar funktioniert mein konsumistischer Schluck-Reflex ausgezeichnet, denn ich höre mich "Och, gern" sagen.
Vor dem Laden merke ich bei einem Blick in die Tüte, dass ich nun tatsächlich Besitzerin eines Paares Hasenohren bin (vgl. Beweisfoto oben rechts). Aus Plüsch, made in China, abwaschbar mit einem feuchten Lappen. So richtig sehe ich mich das zu Ostern ja noch nicht tragen. Aber, an alle Bridget-Jones-Leserinnen, zur nächsten Flittchen-und-Pfarrer-Party hätte ich da jetzt was!
Mittwoch, 18. März 2009
Wechselbäder
Vielleicht ist es eine typische Geschichte, typisch für die Finanzkrise à la New York: M. ist Mitte zwanzig und arbeitet seit drei Jahren für eine große Investment-Bank. Wohnung auf der Wall Street, 14-Stunden-Tage, fünfstelliges Gehalt und Boni, hochtourige Wochenenden. Der Typ Mann, den die Barkeeper mit Handschlag begrüßen, der Freunde "contacts" nennt, gern Runden gibt und manchmal im Frage-und-Antwort-Stil spricht. Als wir ihn am Samstag in Tribeca zum Abendessen treffen, reicht er die Weinkarte an Michael und mich weiter - und bestellt einen Grüntee.
M. rührt keinen Alkohol mehr an, schon seit über einem Monat nicht. "Ich hatte ein ziemliches Problem entwickelt", erzählt er uns. Zeitgleich mit der Finanzkrise protestierte dann auch sein Körper gegen dauernde Überhitzung und gab ihm einen deutlichen Warnschuss. Nun hat M. sein Leben heruntergekühlt. Seinen Job hat er noch - aber für mehr als 30 Wochenstunden gibt es im Moment nichts zu tun. Er macht jetzt regelmäßig Sport, schläft zu zivilen Zeiten und hat ein strafferes, wacheres Gesicht.
Die Kehre ist total und verblüffend. So ganz können weder Michael noch ich der neuen Ruhe trauen. Und tatsächlich: "Eigentlich mache ich nicht einfach so Sport, sondern trainiere jetzt für einen New Yorker Triathlon," rückt M. heraus. Den möchte er noch unbedingt vor dem Sommer bestreiten. Danach könnte es auch eng werden, M. will nämlich schon bald nach dem Sommer auf die andere Seite des Kontinents ziehen: Ein großer Immobilienmakler aus Los Angeles hat Interesse an ihm signalisiert...
Schwer zu sagen, was die Krise hier letztlich verändert hat - oder noch verändern wird (im Großen wie im Kleinen). Das Restaurant in Tribeca jedenfalls brummt, als sei der Dow nie eingebrochen, als gäbe es keine Überschuldung und keine Massenentlassungen. Vielleicht auch, als gäbe es kein Morgen? Darauf will sich M. nicht einlassen: "Ich glaube nicht, dass die Leute hier ihre Augen vor der Realität verschließen und deswegen so weitermachen wie vorher. Nein, sie machen weiter, weil sie gar nicht anders können - die New Yorker sind einfach so." Schon einmal sei gerade Tribeca arg gebeutelt worden, damals, im Nachgang von 9/11, fügt M. hinzu. Damals hätten es die New Yorker auch geschafft. Und: "Was hilft's? Wir werden uns eben wieder einmal neu erfinden müssen."
M. rührt keinen Alkohol mehr an, schon seit über einem Monat nicht. "Ich hatte ein ziemliches Problem entwickelt", erzählt er uns. Zeitgleich mit der Finanzkrise protestierte dann auch sein Körper gegen dauernde Überhitzung und gab ihm einen deutlichen Warnschuss. Nun hat M. sein Leben heruntergekühlt. Seinen Job hat er noch - aber für mehr als 30 Wochenstunden gibt es im Moment nichts zu tun. Er macht jetzt regelmäßig Sport, schläft zu zivilen Zeiten und hat ein strafferes, wacheres Gesicht.
Die Kehre ist total und verblüffend. So ganz können weder Michael noch ich der neuen Ruhe trauen. Und tatsächlich: "Eigentlich mache ich nicht einfach so Sport, sondern trainiere jetzt für einen New Yorker Triathlon," rückt M. heraus. Den möchte er noch unbedingt vor dem Sommer bestreiten. Danach könnte es auch eng werden, M. will nämlich schon bald nach dem Sommer auf die andere Seite des Kontinents ziehen: Ein großer Immobilienmakler aus Los Angeles hat Interesse an ihm signalisiert...
Schwer zu sagen, was die Krise hier letztlich verändert hat - oder noch verändern wird (im Großen wie im Kleinen). Das Restaurant in Tribeca jedenfalls brummt, als sei der Dow nie eingebrochen, als gäbe es keine Überschuldung und keine Massenentlassungen. Vielleicht auch, als gäbe es kein Morgen? Darauf will sich M. nicht einlassen: "Ich glaube nicht, dass die Leute hier ihre Augen vor der Realität verschließen und deswegen so weitermachen wie vorher. Nein, sie machen weiter, weil sie gar nicht anders können - die New Yorker sind einfach so." Schon einmal sei gerade Tribeca arg gebeutelt worden, damals, im Nachgang von 9/11, fügt M. hinzu. Damals hätten es die New Yorker auch geschafft. Und: "Was hilft's? Wir werden uns eben wieder einmal neu erfinden müssen."
Mittwoch, 12. November 2008
Aufwachen! Globalisierung!
Die Tugenden der Welt sind nicht gerecht verteilt. Pünktlichkeit zum Beispiel ist ja außerhalb Preußens völlig unterschätzt. So konnten sich die Studentinnen und Studenten meines Kurses "Deutsch für Anfänger" nicht für den Gedanken erwärmen, tatsächlich jeden Morgen um Schlag neun Uhr mit gezücktem Griffel im Seminarraum zu sitzen. Stattdessen kamen sie in einem Zeitfenster zwischen 9:00 und 9:06 Uhr. Die meisten machten dabei immerhin professionell-schuldbewusste Mienen. Seit ich auf der anderen Seite des Zauns stehe, weiß ich, dass man so nicht unterrichten kann - also musste eine Regel her: Wer zu spät kommt, sagte ich meinen Studenten am letzten Freitag ergrimmt und polierte dazu in Gedanken meine Pickelhaube, muss vier Zeilen eines deutschen Gedichts vortragen. Auswendig. Das, so dachte ich, sollte sie abschrecken. Schließlich lernen wir erst seit sieben Wochen gemeinsam Deutsch, und kaum einem gehen die Wörter leicht von der Zunge.
Montag, 8:59 Uhr. Der Seminarraum ist voll. Einige grinsen stolz, andere schnappen nach Luft vom Schluss-Sprint über den Campus. Wir legen los. Um 9:03 Uhr stürzt eine meiner fleißigsten Studentinnen, eine junge Chinesin, kreidebleich ins Klassenzimmer. Pädagogisch fatal, dass meine neue Strenge nun ausgerechnet sie als erste trifft! Denn sie kommt sonst nie zu spät, sie ist immer emsig, immer aufmerksam und zu allem Überfluss ein bisschen scheu, was das Sprechen angeht. Ich überlege hin und her. Soll, kann, darf ich ihr das antun? - Ach was, gleiches Unrecht für alle, das wird jetzt durchgezogen. Ich nehme sie nach dem Kurs beiseite und bitte sie, in der nächsten Stunde zum Start eine Gedicht-Strophe aufzusagen. Sie nickt stumm und verschwindet.
Dienstag, 9:00 Uhr. Alle blicken gespannt auf die junge Chinesin. Zu meinem Erstaunen steht sie auf und geht schnurstracks zur Tafel. "Ich erkläre ein paar Wörter", sagt sie laut und deutlich. "der Mond", "der Frost", "glimmen"... Dann holt sie Luft und trägt in einem Zug vor. Applaus. Ich bekomme den Mund nicht mehr zu und kann sie nur noch fragen: "Wo haben Sie das Gedicht denn her?" Ihre Antwort: "Ich habe es aus dem Chinesischen übersetzt. Meine Mutter hat es immer für mich gesagt, als ich klein war." Preußen schön und gut: Wer den Kindern der Globalisierung etwas beibiegen will, muss früher aufstehen.
Montag, 8:59 Uhr. Der Seminarraum ist voll. Einige grinsen stolz, andere schnappen nach Luft vom Schluss-Sprint über den Campus. Wir legen los. Um 9:03 Uhr stürzt eine meiner fleißigsten Studentinnen, eine junge Chinesin, kreidebleich ins Klassenzimmer. Pädagogisch fatal, dass meine neue Strenge nun ausgerechnet sie als erste trifft! Denn sie kommt sonst nie zu spät, sie ist immer emsig, immer aufmerksam und zu allem Überfluss ein bisschen scheu, was das Sprechen angeht. Ich überlege hin und her. Soll, kann, darf ich ihr das antun? - Ach was, gleiches Unrecht für alle, das wird jetzt durchgezogen. Ich nehme sie nach dem Kurs beiseite und bitte sie, in der nächsten Stunde zum Start eine Gedicht-Strophe aufzusagen. Sie nickt stumm und verschwindet.
Dienstag, 9:00 Uhr. Alle blicken gespannt auf die junge Chinesin. Zu meinem Erstaunen steht sie auf und geht schnurstracks zur Tafel. "Ich erkläre ein paar Wörter", sagt sie laut und deutlich. "der Mond", "der Frost", "glimmen"... Dann holt sie Luft und trägt in einem Zug vor. Applaus. Ich bekomme den Mund nicht mehr zu und kann sie nur noch fragen: "Wo haben Sie das Gedicht denn her?" Ihre Antwort: "Ich habe es aus dem Chinesischen übersetzt. Meine Mutter hat es immer für mich gesagt, als ich klein war." Preußen schön und gut: Wer den Kindern der Globalisierung etwas beibiegen will, muss früher aufstehen.
Montag, 9. Juni 2008
In der Zange
Es ist ein bisschen wie bei Monopoly: "Ihr Umzug ins Sommerlager wird fällig. Gehen Sie direkt dort hin. Gehen Sie nicht über Los. Ziehen Sie nicht DM 4000 ein"... Jedes Jahr dasselbe Spiel - nur bei den kleinen und großen Stolpersteinen gibt es Abwechslung.
So merkte ich zum Glück zwei Tage vor dem Umzug, dass meine Kneifzange vollkommen unbrauchbar geworden war (auf Werbegeschenke ist einfach kein Verlass!). Daher legte ich mir eine nette smalltalkige Phrase zurecht und stürmte morgens um halb acht ins Büro des "Superintendents" unseres Gebäudekomplexes.
Ich strahlte ihn an: "Hi, was für ein schöner Tag heute - meinen Sie, ich könnte mir wohl mal eine Werkzeugkiste ausleihen?"
Er bremste meinen Enthusiasmus etwas: "Wir haben keine ganzen Werkzeugkisten zum Verleihen, nur individuelle Werkzeuge."
Ich: "Och, kein Problem, ich brauche eigentlich eh' nur ein Salatbesteck."
Er: "Bitte???"
Ich: "Ja, Sie wissen schon, ich muss meinen Schreibtisch auseinanderschrauben, und mein altes Salatbesteck hat den Geist aufgegeben."
Er: "Fühlen Sie sich wohl? Es ist schon recht heiß heute..."
Irgendwann dämmerte es mir, dass ich mich wohl in der Vokabel vergriffen hatte. Ich hatte nämlich nach einem "pair of tongs" gefragt - nach einer Grillzange bzw. einem Salatbesteck. Für eine Kneifzange wäre aber "a pair of pliers" richtig gewesen. Nachdem wir das geklärt hatten, bekam ich zum Glück meine Zange - und das Zertifikat, von der momentanen Hitzewelle doch noch keinen Schaden genommen zu haben.
Das Wetter fällt als Erklärung ohnehin aus, denn auch bei kühlen Temperaturen stehe ich mit dem Wort "tongs" gerne mal auf Kriegsfuß. Letztes Jahr zu Thanksgiving hatte Michaels Familie mit mir "Taboo" gespielt. Michaels Bruder umschrieb gerade "hat zwei Greifarme, mit denen man Sachen aufheben kann", da trompetete ich stolz: "thongs!" - - Die Familie explodierte vor Lachen. Ich hatte zwar an das richtige Objekt gedacht, nur leider das falsche Wort gesagt: "thongs" bedeutet "heißes Höschen"...
So merkte ich zum Glück zwei Tage vor dem Umzug, dass meine Kneifzange vollkommen unbrauchbar geworden war (auf Werbegeschenke ist einfach kein Verlass!). Daher legte ich mir eine nette smalltalkige Phrase zurecht und stürmte morgens um halb acht ins Büro des "Superintendents" unseres Gebäudekomplexes.
Ich strahlte ihn an: "Hi, was für ein schöner Tag heute - meinen Sie, ich könnte mir wohl mal eine Werkzeugkiste ausleihen?"
Er bremste meinen Enthusiasmus etwas: "Wir haben keine ganzen Werkzeugkisten zum Verleihen, nur individuelle Werkzeuge."
Ich: "Och, kein Problem, ich brauche eigentlich eh' nur ein Salatbesteck."
Er: "Bitte???"
Ich: "Ja, Sie wissen schon, ich muss meinen Schreibtisch auseinanderschrauben, und mein altes Salatbesteck hat den Geist aufgegeben."
Er: "Fühlen Sie sich wohl? Es ist schon recht heiß heute..."
Irgendwann dämmerte es mir, dass ich mich wohl in der Vokabel vergriffen hatte. Ich hatte nämlich nach einem "pair of tongs" gefragt - nach einer Grillzange bzw. einem Salatbesteck. Für eine Kneifzange wäre aber "a pair of pliers" richtig gewesen. Nachdem wir das geklärt hatten, bekam ich zum Glück meine Zange - und das Zertifikat, von der momentanen Hitzewelle doch noch keinen Schaden genommen zu haben.
Das Wetter fällt als Erklärung ohnehin aus, denn auch bei kühlen Temperaturen stehe ich mit dem Wort "tongs" gerne mal auf Kriegsfuß. Letztes Jahr zu Thanksgiving hatte Michaels Familie mit mir "Taboo" gespielt. Michaels Bruder umschrieb gerade "hat zwei Greifarme, mit denen man Sachen aufheben kann", da trompetete ich stolz: "thongs!" - - Die Familie explodierte vor Lachen. Ich hatte zwar an das richtige Objekt gedacht, nur leider das falsche Wort gesagt: "thongs" bedeutet "heißes Höschen"...
Samstag, 29. März 2008
We'll remember you
Man muss schon sehr genau hinschauen, um den Eingang zum New Yorker Kellerclub "Small's" nicht zu verpassen, denn der Name ist Programm: eine schmale Rundbogentür, in rotes Backsteingemäuer eingelassen, darüber eine schlichte braune Markise - das ist schon alles. Und das ist nicht viel, wenn man im quirligen "Village" von New York, der einstigen Bohème, auffallen will. Die Bohème ist zwar mittlerweile zahm (und der Lack größtenteils wieder dran), doch in den Bars und Kneipen jazzt sich die Musikszene immer noch durch die Nacht, sodass die Konkurrenz nie weiter als einen Block entfernt liegt.
"Small's" braucht allerdings weder die Konkurrenz zu fürchten noch besonders aufzufallen, denn der Club ist auch ohne Grelligkeit und Pomp als gute Adresse für Live-Jazz bekannt. Sieben Tage in der Woche wird hier gespielt, manchmal acht Stunden und länger. Als Michael und ich an einem späten Sonntagabend dort ankommen, ist die erste Band gerade mit ihrem Auftritt fertig, und die Folgeband - ein Trio um den Pianisten Spike Wilner - macht sich bereit. Während wir noch überlegen, ob wir hineingehen oder lieber weiterziehen wollen, tritt eine schwarze Lady aus dem Rundbogen ins Freie und posaunt in unsere unentschlossenen Gesichter: "This place is historical!" Sie schüttelt den Kopf und betont noch einmal: "Man, it really is." Damit schiebt sie sich an uns vorbei und entschwindet im Wiegeschritt in die Nacht.
Historical? Naja, krittelt der Geschichtssnob in mir los, den Laden gibt es doch erst seit 1993, gerade mal 15 Jahre... Aber, das muss ich bei aller Old-Europe-Arroganz zugeben, er hat zweifelsohne eine interessante Geschichte: Von einem Jazz-Impressario, einer Krankenschwester und dem Sohn eines Galeriebesitzers gegründet, traf sich hier Anfang der 90er das halbe Viertel. Da "Small's" zuerst keine Lizenz zum Alkoholausschank hatte, gab es keine Altersgrenze - und zwischen den Studenten, den Freischaffenden, den Privatiers und den Musikprofis saß der ein oder andere Großvater und hatte sich einen Enkel zur Jazz-Matinée zwischen die Knie geklemmt.
Nach dem 11. September blieben Gäste und Geld erst einmal aus, und der Club musste schließen. Doch dem Viertel war er so ans Herz gewachsen, dass einer der alten Besitzer mit zwei neuen Partnern in die Bresche sprang und einen Folgeversuch wagte. Das Konzept wurde geändert und "bring your own booze" durch eine Schanklizenz ersetzt. Seitdem krabbeln zwar keine Kinder mehr zwischen den Beinen des Flügels hindurch, doch dafür hat das Viertel seinen Treffpunkt zurück und kann tags wieder über die Jazz-Marathon-Sessions reden, mit denen sich der Club nachts einen Namen macht.
Durch die schwarze Lady neugierig geworden, steigen Michael und ich die enge Treppe hinunter und kaufen beim Club-Faktotum Mitch unsere Eintritts-Chips. Die Einrichtung des Clubs erinnert an den Partykeller meines Schulkameraden Benni W., in dem wir in den 90ern unsere Klassenparties feierten: ein Sammelsurium ausrangierter Stühle und Hocker, wackelige Tischchen, der Betonboden durch mehrere Lagen zu kleiner Teppiche bedeckt, Fotos und Flohmarkt-Spiegel an den Wänden. Die Bar hier ist allerdings professioneller als seinerzeit bei Benni W., und statt "Mixery" halte ich ein Brooklyn Lager in den Händen ("pre-Prohibition beer!"). Michael erspäht zwei freie Plätze auf einem Bänkchen genau hinter dem Pianisten. Wir quetschen uns auf das Bänkchen, die Show beginnt.
Zuerst kommt es mir so vor, als müssten Pianist, Kontrabassist und Schlagzeuger erst miteinander warm werden, und ich lasse mich von meiner Neugierde aufs Publikum ablenken. Viele Pärchen um Mitte vierzig bis Mitte fünfiz sind da sowie jede Menge Studenten. Das Paar schräg hinter uns - sie: Stupsnase, Dauerwelle, Lachfalten; er: Wohlstandsbäuchlein, Glatze - hätte sich auch gleich "frisch verliebt" auf die Stirn schreiben können, denn sie turteln, dass ich ein Grinsen nicht unterdrücken kann. Sie fängt meinen Blick auf und bittet mich prompt, ein Foto mit ihrer Digitalkamera von den beiden zu machen, das anschließend bejubelt wird. Der teigige Typ auf dem Stuhl rechts neben mir sieht weniger glücklich aus. Obwohl er seinem geschmeidigen Begleiter Bier um Bier ausgibt, verschwindet der nach einer Stunde und lässt seinen Sponsor in Kummer zurück.
Das Trio intoniert neben eigenen Sachen auch Klassiker, und einige der Duke-Ellington-Nummern sind umwerfend. Mitten im ersten Block wird die Band von einem weiteren Musikus unterbrochen, der sich plötzlich erhebt, durchs Publikum nach vorne schiebt und auf der Bar einen abgewetzten Trompetenkoffer aufklappt. Mit Baseballkappe, Stoppelbart, verschlafenem Blick, speckigen Jeans und Trainigsjacke aus Ballonseide erinnert er mich stark an jene speziellen Männerexemplare, denen man sonntagsmorgens mit Vorliebe bei mittelhessischen Bäckern begegnen konnte. Er wird angekündigt als einer der besten Jazz-Trompeter New Yorks und fingert unkoordiniert an seinem Instrument herum, das sich nicht recht zusammenbauen lassen will.
Nach einem letzten Schluck aus dem Glas (sieht von hier aus wie Whiskey) schlurft er auf die "Bühne" - und legt ein Solo hin, dass ein Raunen durch den Club geht. Seine Finger verschwimmen, so schnell bewegt er sie, und das wilde Kreischen der Trompete gellt in meinen Ohren. Dann wechselt er abrupt den Klang und lässt die weichen, langen Töne einer traurigen Melodie durch den Raum fließen. Die Pärchen rücken näher zusammen, Spike nimmt sich am Flügel zurück, und selbst der dröge Kontrabassist umfasst seinen Bass fester und legt seine Wange ganz zärtlich an den Hals des Instruments. Ich lehne meinen Kopf gegen Michaels Schulter, schließe die Augen und lasse mich treiben...
Als ich die Augen wieder öffne, macht die Band gerade Pause. Michael strahlt mich an und prustet los: "Ich glaub's einfach nicht, dass du eingeschlafen bist - und das keinen halben Meter hinter dem Pianisten!" Leugnen ist zwecklos. Wahrscheinlich haben's alle gesehen und sich königlich amüsiert. Ich murmele etwas von genetischen Einflüssen (schließlich bin ich nicht die einzige in meiner Familie, die mal in Reihe 1 vor einer Jazz-Band selig schlummerte!). Das Club-Motto klingt in diesem Kontext unfreiwillig komisch: "You can stay all night, and you can come and go as you like, we'll remember you." Genau das fürchte ich auch...!
"Small's" braucht allerdings weder die Konkurrenz zu fürchten noch besonders aufzufallen, denn der Club ist auch ohne Grelligkeit und Pomp als gute Adresse für Live-Jazz bekannt. Sieben Tage in der Woche wird hier gespielt, manchmal acht Stunden und länger. Als Michael und ich an einem späten Sonntagabend dort ankommen, ist die erste Band gerade mit ihrem Auftritt fertig, und die Folgeband - ein Trio um den Pianisten Spike Wilner - macht sich bereit. Während wir noch überlegen, ob wir hineingehen oder lieber weiterziehen wollen, tritt eine schwarze Lady aus dem Rundbogen ins Freie und posaunt in unsere unentschlossenen Gesichter: "This place is historical!" Sie schüttelt den Kopf und betont noch einmal: "Man, it really is." Damit schiebt sie sich an uns vorbei und entschwindet im Wiegeschritt in die Nacht.
Historical? Naja, krittelt der Geschichtssnob in mir los, den Laden gibt es doch erst seit 1993, gerade mal 15 Jahre... Aber, das muss ich bei aller Old-Europe-Arroganz zugeben, er hat zweifelsohne eine interessante Geschichte: Von einem Jazz-Impressario, einer Krankenschwester und dem Sohn eines Galeriebesitzers gegründet, traf sich hier Anfang der 90er das halbe Viertel. Da "Small's" zuerst keine Lizenz zum Alkoholausschank hatte, gab es keine Altersgrenze - und zwischen den Studenten, den Freischaffenden, den Privatiers und den Musikprofis saß der ein oder andere Großvater und hatte sich einen Enkel zur Jazz-Matinée zwischen die Knie geklemmt.
Nach dem 11. September blieben Gäste und Geld erst einmal aus, und der Club musste schließen. Doch dem Viertel war er so ans Herz gewachsen, dass einer der alten Besitzer mit zwei neuen Partnern in die Bresche sprang und einen Folgeversuch wagte. Das Konzept wurde geändert und "bring your own booze" durch eine Schanklizenz ersetzt. Seitdem krabbeln zwar keine Kinder mehr zwischen den Beinen des Flügels hindurch, doch dafür hat das Viertel seinen Treffpunkt zurück und kann tags wieder über die Jazz-Marathon-Sessions reden, mit denen sich der Club nachts einen Namen macht.
Durch die schwarze Lady neugierig geworden, steigen Michael und ich die enge Treppe hinunter und kaufen beim Club-Faktotum Mitch unsere Eintritts-Chips. Die Einrichtung des Clubs erinnert an den Partykeller meines Schulkameraden Benni W., in dem wir in den 90ern unsere Klassenparties feierten: ein Sammelsurium ausrangierter Stühle und Hocker, wackelige Tischchen, der Betonboden durch mehrere Lagen zu kleiner Teppiche bedeckt, Fotos und Flohmarkt-Spiegel an den Wänden. Die Bar hier ist allerdings professioneller als seinerzeit bei Benni W., und statt "Mixery" halte ich ein Brooklyn Lager in den Händen ("pre-Prohibition beer!"). Michael erspäht zwei freie Plätze auf einem Bänkchen genau hinter dem Pianisten. Wir quetschen uns auf das Bänkchen, die Show beginnt.
Zuerst kommt es mir so vor, als müssten Pianist, Kontrabassist und Schlagzeuger erst miteinander warm werden, und ich lasse mich von meiner Neugierde aufs Publikum ablenken. Viele Pärchen um Mitte vierzig bis Mitte fünfiz sind da sowie jede Menge Studenten. Das Paar schräg hinter uns - sie: Stupsnase, Dauerwelle, Lachfalten; er: Wohlstandsbäuchlein, Glatze - hätte sich auch gleich "frisch verliebt" auf die Stirn schreiben können, denn sie turteln, dass ich ein Grinsen nicht unterdrücken kann. Sie fängt meinen Blick auf und bittet mich prompt, ein Foto mit ihrer Digitalkamera von den beiden zu machen, das anschließend bejubelt wird. Der teigige Typ auf dem Stuhl rechts neben mir sieht weniger glücklich aus. Obwohl er seinem geschmeidigen Begleiter Bier um Bier ausgibt, verschwindet der nach einer Stunde und lässt seinen Sponsor in Kummer zurück.
Das Trio intoniert neben eigenen Sachen auch Klassiker, und einige der Duke-Ellington-Nummern sind umwerfend. Mitten im ersten Block wird die Band von einem weiteren Musikus unterbrochen, der sich plötzlich erhebt, durchs Publikum nach vorne schiebt und auf der Bar einen abgewetzten Trompetenkoffer aufklappt. Mit Baseballkappe, Stoppelbart, verschlafenem Blick, speckigen Jeans und Trainigsjacke aus Ballonseide erinnert er mich stark an jene speziellen Männerexemplare, denen man sonntagsmorgens mit Vorliebe bei mittelhessischen Bäckern begegnen konnte. Er wird angekündigt als einer der besten Jazz-Trompeter New Yorks und fingert unkoordiniert an seinem Instrument herum, das sich nicht recht zusammenbauen lassen will.
Nach einem letzten Schluck aus dem Glas (sieht von hier aus wie Whiskey) schlurft er auf die "Bühne" - und legt ein Solo hin, dass ein Raunen durch den Club geht. Seine Finger verschwimmen, so schnell bewegt er sie, und das wilde Kreischen der Trompete gellt in meinen Ohren. Dann wechselt er abrupt den Klang und lässt die weichen, langen Töne einer traurigen Melodie durch den Raum fließen. Die Pärchen rücken näher zusammen, Spike nimmt sich am Flügel zurück, und selbst der dröge Kontrabassist umfasst seinen Bass fester und legt seine Wange ganz zärtlich an den Hals des Instruments. Ich lehne meinen Kopf gegen Michaels Schulter, schließe die Augen und lasse mich treiben...
Als ich die Augen wieder öffne, macht die Band gerade Pause. Michael strahlt mich an und prustet los: "Ich glaub's einfach nicht, dass du eingeschlafen bist - und das keinen halben Meter hinter dem Pianisten!" Leugnen ist zwecklos. Wahrscheinlich haben's alle gesehen und sich königlich amüsiert. Ich murmele etwas von genetischen Einflüssen (schließlich bin ich nicht die einzige in meiner Familie, die mal in Reihe 1 vor einer Jazz-Band selig schlummerte!). Das Club-Motto klingt in diesem Kontext unfreiwillig komisch: "You can stay all night, and you can come and go as you like, we'll remember you." Genau das fürchte ich auch...!
Freitag, 15. Februar 2008
Fern-Ost-Küste
Die Sache mit der Schranktür hatte mir zu denken gegeben: Vielleicht sollte ich das neue Jahr wirklich nutzen, um wieder ein wenig waagegerechter und ausgeglichener zu werden? Schließlich soll man sein Sternzeichen nicht verneinen (und keine wehrlosen Schranktüren kaputtmachen). Da kam mir das Hochschulsport-Programm gerade recht, das ein guter Geist in mein Postfach am Department gesteckt hatte. Ich unterdrückte den Impuls, mich für Shotokan Karate, Jeet Kun Doo – von Bruce Lee d. Gr. entwickelt! – oder Kickboxen einzuschreiben. Besonders im Hinblick auf künftige Interaktionen wäre das der Schranktür gegenüber nicht fair gewesen. Selbst die Tennis-Seite überblätterte ich schweren Herzens und wollte mich gerade seufzend zum Yoga anmelden, als mir die Überschrift „Thai Chi“ ins Auge sprang. Die Rettung! Denn Thai Chi ist „best of both“: eine Bewegungsmeditation, die zugleich aber auch Kampfsport ist, sodass man auf der nächsten Party immer noch ganz beiläufig einfließen lassen kann „Jaja, ich mache übrigens Kampfsport...“ Und sagt selbst, klingt das nicht tausendmal besser als Yoga-Geschichten? Da kann man ja gleich vom Langlauf erzählen!
Ach ja, entspannen wollte ich mich natürlich auch. So fieberte ich also meiner ersten Stunde entgegen – und war auch hinreichend unentspannt, als sie am vergangenen Mittwochabend endlich nahte. Mittwochs haben wir nämlich drei Stunden Seminar, eine halbe Stunde Pause, weitere drei Stunden Seminar, und wenn es für die Woche noch viel zu lesen gibt, setzen Michael und ich uns im Anschluss meistens noch für zwei Stündchen in die Bibliothek. Ich schiebe es mal auf Foucault, dass ich dort die Zeit vergaß. Jedenfalls war der Zeiger der Wanduhr schon bedenklich dicht an acht Uhr herangerückt, als ich wie angestochen aus meinem Stuhl hochschoss und rief „Heavens, I’m late!“ Michael kommentierte das grinsend mit „Somehow I’m not surprised“ (er macht übrigens Yoga!). Ich sprintete zur Sporthalle, zog mich in Windeseile um und begann, den „Multipurpose Room“ zu suchen. Nachdem ich ein Basketballspiel und ein Badminton-Match durch planloses Zickzacklaufen erfolgreich gesprengt hatte, wies mir ein freundlicher Mensch den Weg. Mit hochrotem Kopf drückte ich die Tür auf – und blieb verdutzt stehen: Vor einem großen Ballett-Spiegel saßen zwei Reihen Männer und eine ältere Dame im Yogi-Sitz und hielten die Augen geschlossen. Einer trug eine Art Kimono, weswegen ich ihn als Master Wonchull identifizierte, unseren Kursleiter. Gesetzt den Fall, ich war im richtigen Kurs.
Da niemand hochschaute, trat ich etwas unschlüssig ein und ließ die Tür los. Sie schwang mit einem langgezogenen Quietschen zurück krachte ins Schloss. Es schaute immer noch niemand hoch. Ich entschied, im richtigen Kurs zu sein und setzte mich ebenfalls auf den Boden. Nachdem ich mich in eine Mischung aus Schneider- und Yogi-Sitz gewurschtelt hatte und gerade ganz entspannt die Augen schließen wollte, fiel mein Blick auf die Innenseite meines rechten Hosenbeins (Knöchelhöhe), wo ein riesiger Schmutzfleck starrte, der wohl noch von der letzten Jogging-Aktion im Freien herrühren musste. Peinlich! Und dann auch noch an so prominenter Yogi-Sitz-Stelle! Verstohlen schob ich meine ineinandergelegten Hände darüber und machte ganz schnell die Augen zu.
Die Tür quietschte wieder. Ein leises Trab-trab-trab war zu hören, dann fiel die Tür mit dem bereits vertrauten Rumsen ins Schloss. Sieh an, dachte ich, noch so ein Zuspätkommer! Ich klappte ein Auge auf, um mal kurz zu lugen, ob ich den vielleicht kannte. Man kennt sich hier ja meistens. Nein, den Herrn asiatischer Abstammung im geschmacklos käsegelben T-Shirt hatte ich noch nie gesehen. Interessant, dachte ich, wie viele Asiaten wohl einen fernöstlichen Kurs belegen? Ob sie dafür eine natürliche Begabung haben? Wofür hätten Deutsche dann eine besondere Begabung? Doch hoffentlich nicht für Langlauf! Ich klappte das andere Auge auf, um mal kurz durchzuzählen. Nachdem ich gerade die erste Reihe durchgezählt hatte, traf mich im Spiegel der spöttische Blick des Meisters. Ich machte die Augen blitzartig wieder zu. Ob er vielleicht auch Gedankenlesen...?
Mein Fuß schlief ein, und so war ich dankbar, dass der Meister sich erhob und das Ende der Meditation signalisierte. Er begrüßte uns, ging langsam vor uns auf und ab und erklärte uns die Grundlagen von Thai Chi. Irgendetwas an ihm ließ mich stutzen. Es war nicht die Größe von 1,60 Meter und auch nicht das Gewicht von vermutlich etwas unter 45 Kilo. Nein, es war die Bewegung – es war...es war...die Augsburger Puppenkiste! Er sah nämlich aus wie eine Marionette, die man am höchsten Punkt des Kopfes, in direkter Verlängerung der Nackenlinie, an einen Faden gehängt hat und so merkwürdig graziöse Hopser vollführen lässt. In diesem Moment sagte der Meister: „Thai chi is all about making use of gravity in order to be able to relax. I want you to imagine you were a marionette dangling from a thin string...“ Jesus, er KANN Gedankenlesen!
Eine Stunde lang übten wir, uns mit der Erdanziehung in Einklang zu bringen und eine „form“, einen harmonischen Bewegungsablauf, zu verinnerlichen. Als wir erst einmal die „form“ praktizierten, war meine Skepsis verschwunden. Meine Glieder kribbelten wohlig-warm, fühlten sich aber trotzdem ungeahnt leicht an. Ich war ganz enttäuscht, als die Zeit um war und Wonchull zur letzten Übung aufrief. Zu Demonstrationszwecken suchte er einen „Freiwilligen“ aus. Er ließ den bulligsten Mann im Saal, einen jungen Profi-Ringer, vortreten und forderte ihn auf, „Armdrücken“ gegen ihn zu probieren – allerdings ohne die Ellenbogen irgendwo aufzulegen. Stattdessen traten Wonchull und der Ringer voreinander, winkelten die Arme an und kreuzten die Handgelenke in der Luft. „I want to show you how efficient and powerful your moves can get once you work with gravity and not against it“, sagte Wonchull. Dann bat er den Ringer, sich mit aller Kraft gegen seinen Arm zu stemmen. Der Ringer sog hörbar Luft ein, dehnte sich um einen guten Zentimeter aus und begann zu drücken. Wonchull lächelte. Der Ringer wurde rot. Wonchull lächelte immer noch. Der Ringer wurde violett. Als der Blauanteil in seiner Gesichtsfarbe zu überwiegen drohte, machte Wonchull dem Kräftemessen ein Ende und drückte den Arm des Ringers zur Seite. Er verbeugte sich lächelnd. Why, it’s martial arts, after all!
Ach ja, entspannen wollte ich mich natürlich auch. So fieberte ich also meiner ersten Stunde entgegen – und war auch hinreichend unentspannt, als sie am vergangenen Mittwochabend endlich nahte. Mittwochs haben wir nämlich drei Stunden Seminar, eine halbe Stunde Pause, weitere drei Stunden Seminar, und wenn es für die Woche noch viel zu lesen gibt, setzen Michael und ich uns im Anschluss meistens noch für zwei Stündchen in die Bibliothek. Ich schiebe es mal auf Foucault, dass ich dort die Zeit vergaß. Jedenfalls war der Zeiger der Wanduhr schon bedenklich dicht an acht Uhr herangerückt, als ich wie angestochen aus meinem Stuhl hochschoss und rief „Heavens, I’m late!“ Michael kommentierte das grinsend mit „Somehow I’m not surprised“ (er macht übrigens Yoga!). Ich sprintete zur Sporthalle, zog mich in Windeseile um und begann, den „Multipurpose Room“ zu suchen. Nachdem ich ein Basketballspiel und ein Badminton-Match durch planloses Zickzacklaufen erfolgreich gesprengt hatte, wies mir ein freundlicher Mensch den Weg. Mit hochrotem Kopf drückte ich die Tür auf – und blieb verdutzt stehen: Vor einem großen Ballett-Spiegel saßen zwei Reihen Männer und eine ältere Dame im Yogi-Sitz und hielten die Augen geschlossen. Einer trug eine Art Kimono, weswegen ich ihn als Master Wonchull identifizierte, unseren Kursleiter. Gesetzt den Fall, ich war im richtigen Kurs.
Da niemand hochschaute, trat ich etwas unschlüssig ein und ließ die Tür los. Sie schwang mit einem langgezogenen Quietschen zurück krachte ins Schloss. Es schaute immer noch niemand hoch. Ich entschied, im richtigen Kurs zu sein und setzte mich ebenfalls auf den Boden. Nachdem ich mich in eine Mischung aus Schneider- und Yogi-Sitz gewurschtelt hatte und gerade ganz entspannt die Augen schließen wollte, fiel mein Blick auf die Innenseite meines rechten Hosenbeins (Knöchelhöhe), wo ein riesiger Schmutzfleck starrte, der wohl noch von der letzten Jogging-Aktion im Freien herrühren musste. Peinlich! Und dann auch noch an so prominenter Yogi-Sitz-Stelle! Verstohlen schob ich meine ineinandergelegten Hände darüber und machte ganz schnell die Augen zu.
Die Tür quietschte wieder. Ein leises Trab-trab-trab war zu hören, dann fiel die Tür mit dem bereits vertrauten Rumsen ins Schloss. Sieh an, dachte ich, noch so ein Zuspätkommer! Ich klappte ein Auge auf, um mal kurz zu lugen, ob ich den vielleicht kannte. Man kennt sich hier ja meistens. Nein, den Herrn asiatischer Abstammung im geschmacklos käsegelben T-Shirt hatte ich noch nie gesehen. Interessant, dachte ich, wie viele Asiaten wohl einen fernöstlichen Kurs belegen? Ob sie dafür eine natürliche Begabung haben? Wofür hätten Deutsche dann eine besondere Begabung? Doch hoffentlich nicht für Langlauf! Ich klappte das andere Auge auf, um mal kurz durchzuzählen. Nachdem ich gerade die erste Reihe durchgezählt hatte, traf mich im Spiegel der spöttische Blick des Meisters. Ich machte die Augen blitzartig wieder zu. Ob er vielleicht auch Gedankenlesen...?
Mein Fuß schlief ein, und so war ich dankbar, dass der Meister sich erhob und das Ende der Meditation signalisierte. Er begrüßte uns, ging langsam vor uns auf und ab und erklärte uns die Grundlagen von Thai Chi. Irgendetwas an ihm ließ mich stutzen. Es war nicht die Größe von 1,60 Meter und auch nicht das Gewicht von vermutlich etwas unter 45 Kilo. Nein, es war die Bewegung – es war...es war...die Augsburger Puppenkiste! Er sah nämlich aus wie eine Marionette, die man am höchsten Punkt des Kopfes, in direkter Verlängerung der Nackenlinie, an einen Faden gehängt hat und so merkwürdig graziöse Hopser vollführen lässt. In diesem Moment sagte der Meister: „Thai chi is all about making use of gravity in order to be able to relax. I want you to imagine you were a marionette dangling from a thin string...“ Jesus, er KANN Gedankenlesen!
Eine Stunde lang übten wir, uns mit der Erdanziehung in Einklang zu bringen und eine „form“, einen harmonischen Bewegungsablauf, zu verinnerlichen. Als wir erst einmal die „form“ praktizierten, war meine Skepsis verschwunden. Meine Glieder kribbelten wohlig-warm, fühlten sich aber trotzdem ungeahnt leicht an. Ich war ganz enttäuscht, als die Zeit um war und Wonchull zur letzten Übung aufrief. Zu Demonstrationszwecken suchte er einen „Freiwilligen“ aus. Er ließ den bulligsten Mann im Saal, einen jungen Profi-Ringer, vortreten und forderte ihn auf, „Armdrücken“ gegen ihn zu probieren – allerdings ohne die Ellenbogen irgendwo aufzulegen. Stattdessen traten Wonchull und der Ringer voreinander, winkelten die Arme an und kreuzten die Handgelenke in der Luft. „I want to show you how efficient and powerful your moves can get once you work with gravity and not against it“, sagte Wonchull. Dann bat er den Ringer, sich mit aller Kraft gegen seinen Arm zu stemmen. Der Ringer sog hörbar Luft ein, dehnte sich um einen guten Zentimeter aus und begann zu drücken. Wonchull lächelte. Der Ringer wurde rot. Wonchull lächelte immer noch. Der Ringer wurde violett. Als der Blauanteil in seiner Gesichtsfarbe zu überwiegen drohte, machte Wonchull dem Kräftemessen ein Ende und drückte den Arm des Ringers zur Seite. Er verbeugte sich lächelnd. Why, it’s martial arts, after all!
Abonnieren
Posts (Atom)